Wird am Ende der Zeit Intelligenz oder Entropie im Universum die Oberhand gewinnen? Folgen Sie Annika Palmstroem auf ihrer Reise durch eine cyberdelische Zukunftswelt, in der Wirklichkeit und Traum zu einem fraktalen Labyrinth verschmelzen.
Roman von Fabian Herrmann

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Die Mannigfaltigkeit

 

 

Die Raumzeitmannigfaltigkeit war aus ihrer stürmischen Kindheit heraus: Die Feuerfluten der primordialen Nukleosynthese, kristallinisches Gleißen der Quasare, Blitzen und Brodeln kollidierender, schmelzender, zerberstender und sich wieder zu neuen, grotesken Gebilden aus krustigem Fels, Adern von teerigem Eis und metallglänzenden Massen zusammenlagernder treibender Berge und Splitter, aus dem die erste Planetengeneration hervorging, lag nun hinter ihr. Der lange Frühling der kosmischen Jugend begann und das Leben: Glück Leid Neugierde. Bald spiegelten sich weiße und violette Blitzranken, in giftigen Atmosphären von Wolkenmassiv zu Wolkenmassiv ästend, in den glattschwarzen Oberflächen mineralhaltiger Teiche und Tümpel: dunkle Spiegel, zitternd wie Tierhäute. Salziges Wasser umspülte feinstes Sediment. Wellenfunktion griff nach Wellenfunktion. Kohlenstoff Stickstoff Schwefel Magnesium Phosphor. Grausam-sanft, liebevoll-zerstörerisch, gierig primitiv träge heiter ekstatisch: die ersten Regungen langer Molekülketten, denen das Meisterstück geglückt war, identische Kopien ihrer selbst aus dem atomaren und ionischen Material der Umgebung zu fertigen. Nachdem die im warmen Tümpelwasser gelösten Stoffe verbraucht waren — nicht mehr ölschwarz, kristallrein schimmerte es nun bis auf den Grund —, entschloss man sich zur Industrialisierung. Milde Rotphotonen aus dem nuklearen Schmelzofen im Zentrum des Sonnensystems machte man sich gefügig als Triebkraft des kovalenten Maschinenparks, Glukosemoleküle in Serie produzierend, toxische Abgase in den rostroten Himmel speiend. Eines Morgens ging die Sonne inmitten von leuchtendem Azur auf. Die Todesbotschaft. Umweltverschmutzung hatte den Planeten unbewohnbar gemacht: eisblauer, ätzender Sauerstoff, eine der destruktivsten Substanzen überhaupt, Abfallprodukt der Glukoseindustrie. "Setzt dem Irrsinn ein Ende!" — so rieten Viele. "Drosselt den Fieberwahn des Lebens, beschränkt euch, begnügt euch mit dem bescheidenen Dasein der Chemotrophen. Die Grenzen des Wachstums! Nur Genügsamkeit und Selbstkasteiung vermag uns aus dem zerquetschenden Mahlwerk von Freude und Leid, Erschaffung und Tod, das den Planeten zu pulverisieren droht, zu befreien." Doch Einige hörten nicht auf die Untergangsmahner. "Sauerstoff ist zweifellos gefährlich. Doch wenn wir unsere Erbinformation mit geeigneten Schutzhüllen umgeben, vermag er uns nichts anzuhaben. Wir wollen mit dem blauen Gas experimentieren, herausfinden, wozu es gut ist." Neugierde gebar einen zauberhaften Geniestreich: Ein neues Geschlecht selbstreproduzierender Strukturen trat auf den Plan, das es vermochte, sich von tötendem Sauerstoff zu ernähren und ihn in den nützlichen Zuckervorstoff Kohlendioxid wandelte. Die Sauerstoffatmer wuchsen heran. Sie wurden flink, groß, intelligent, und unternahmen einen Schritt von unglaublicher Waghalsigkeit: Auf die trockenen, windgepeitschten Kontinentalflächen drangen sie vor, krochen zwischen rissigen Felsrücken, die dicht mit gelbgrünen Flechten bepelzt waren, landeinwärts, den Ebenen zu, über die Staubteufel und Regenschleier wanderten, wobei sie weiter wuchsen, schöne und seltsame Formen annahmen. Eines der sauerstoffatmenden Geschlechter umgab sich mit rüstungsgleichen Panzern, unermüdlich laufend wandernd streifend auf weitausgreifenden Schreitbeinen — Gliederfüßer, denen bald darauf sogar die Eroberung des Himmels gelang. Transparente Flügel schwirrten sirrten brummten in orgelndem Bass, durchschnitten schillernde Luft und Sonnenstrahlen so hurtig, dass sie mit ihnen eins zu werden schienen. Eine andere Abzweigung brachte behende Riesen hervor, mächtige und kluge Saurier, deren ledrige Häute und struppige Federkleider bunt gesprenkelt waren wie der Waldboden an einem Augustnachmittag. Eine dritte Familie musste lange auf ihre Zeit warten: In stickigen Höhlen, unter Gehölzen, in Gräben huschte man, in weichen graubraunen Pelz gehüllt, hastig und kurzsichtig umher, solange die Saurier die Welt stampfend erschütterten. Doch die Saurier vergingen im Gleißen eines verspäteten Planetesimals, ein kilometerlanger Erzsplitter aus den schweigenden Hallen des Sonnensystems, der sich in den Meeresgrund bohrte und die Kontinente mit siedendem Wasser, Lava und brennenden Gasen überschüttete. Noch knisterten Brände in Gesträuch und Hecken, noch suppte kaustischer Dampf aus der gemarterten Erdkruste, als sich in den Eingängen zahlloser Bauten kleine glänzende Augenpaare und schwarze feuchte Schnauzen zeigten: Man trippelte hervor — etwas konfus — aber voller Vorfreude! Erkundete die aschequalmende Landschaft, knabberte an an den Schirmen leuchtend gefärbter Pilze, die überall wucherten. Reduktion, Beschränkung, Rückentwicklung? Nichts weniger als das: Wie einst die Saurier fächerte die Familie der Felligen sich in Tausende von Gestalten auf. Man rannte, schwamm, kletterte, flog, und manche stolzierten auf dem hinteren Extremitätenpaar und legten den Kopf in den Nacken: Da sahen sie die Sterne, und sie dachten: "Was? Warum?" Und weil es trübsinnig macht, das Was? und das Warum? nur im eigenen Kopf zu wälzen, erlernte man das Sprechen. "Was?" sagte der eine, "Warum?" sagte die andere. "Wie lange schon?" tönte es hier, "Wofür?" erscholl es dort. "Woraus?" "Wohin?" "Ist es essbar?" "Von wem?" "Welche Farbe hat es?" "Weiß jemand Genaueres?" war allüberall zu hören. Und weil es anstrengend ist, über große Entfernungen hinweg schreien zu müssen, rückte man enger zusammen und erbaute Städte, die man durch Straßen, Kanäle, Eisenbahngleise, Flugkorridore, Funkwellen, Satelliten, Strom- und Glasfaserkabel verband. "Was? Warum?" fragte eins das andere über zehntausend Kilometer hinweg. Der Planet umhuschte die Sonne wie ein eiliger Brummkreisel, Morgen, Mittag, Mitternacht.

 

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