KATYN - Stalins monströses Staatsverbrechen

von Jan von Flocken (WELT Online, 06. Februar 2008)

Anmerkungen und Links: Nikolas Dikigoros

Es ist ein nationales Trauma der Polen: Katyn, der Mord an 4.600 Offizieren - ein Verbrechen, das über Jahrzehnte den Deutschen in die Schuhe geschoben wurde. Auf den jetzt beginnenden Filmfestspielen in Berlin wird Andrzej Wajdas Film "Katyn" Furore machen. Was geschah damals, im Frühjahr 1940? (Anm. Dikigoros: Der Film hat nicht nur keine "Furore" gemacht - der Stellenwert des "Berliner Filmfestivals" befand sich bereits, aus guten Gründen, im freien Fall gegen null -, sondern blieb so gut wie unbeachtet.)

Nachdem Stalin ab 17. September 1939 gemeinsam mit Hitlerdeutschland Polen überfallen und den Osten des Landes okkupiert hatte, gerieten nahezu 240.000 polnische Soldaten in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Die Offiziere wurden sofort von den Mannschaften getrennt und in drei "Sonderlager" gesperrt. Im Dezember 1939 verhaftete die sowjetische Geheimpolizei NKWD auch sämtliche polnischen Reserveoffiziere in ihrem Machtbereich. Es waren insgesamt mehr als 15.000 Personen. Sie verkörperten eine gesellschaftliche Elite, die dem Sowjetsystem reserviert bis offen ablehnend gegenüberstand.

Stalins Geheimdienstchef Lawrenti Berija ließ in den Lagern Spitzel anwerben und entnahm deren Berichten, dass die gefangenen Offiziere ein "Sicherheitsrisiko" darstellten. Er heckte daraufhin einen mörderischen Plan aus. Anfang März 1940 offerierte er dem obersten Parteigremium, dem Politbüro, seinen streng geheimen Vorschlag. Demnach seien die Polen "allesamt eingefleischte, unverbesserliche Feinde der Sowjetmacht" (Anm. Dikigoros: Da hatte Berija wohl mal Recht :-), weswegen die "Anwendung der Höchststrafe gegen sie - Tod durch Erschießen" ergriffen werden solle. Weiter hieß es: "Die Verfahren sind durchzuführen, ohne die Gefangenen vorzuladen und ohne ihnen die Anklage vorzulegen."

Die sowjetische Führungselite gab den Befehl

Dieses grausam-heimtückische Vorgehen wurde am 5. März 1940 per Unterschrift von den höchsten Repräsentanten der Sowjetunion im Beschlussprotokoll Nr. 13/144 befürwortet: Josef Stalin sowie die Politbüromitglieder Wjatscheslaw Molotow (Ministerpräsident), Kliment Woroschilow (Verteidigungsminister), Anastas Mikojan, Michail Kalinin (Staatsoberhaupt) und Lasar Kaganowitsch. Damit war "eine Politik, die bei der Verfolgung ihrer Ziele über Leichen ging, in den Rang höchster Staatspolitik erhoben" worden, so der Historiker Gerd Kaiser, einer der profundesten Analytiker sowjetischer Geschichte. (Anm. Dikigoros: Welche Politik täte das nicht? Um das heraus zu finden braucht man weder Historiker noch "Analytiker der SU-Geschichte" zu sein!)

Das Massenmorden begann Anfang April 1940. Damals existierten drei Lager für polnische Offiziere:

  • Starobjelsk in der östlichen Ukraine mit 3.900 Insassen
  • Ostaschkow am Seliger-See mit 6.500 Insassen
  • Kosjelsk beim südrussischen (Anm. Dikigoros: südrussischen???) Orjol mit 4.700 Insassen.

Schüsse in den Hinterkopf

Die Vorgänge um die beiden erstgenannten Lager blieben bis 1991 ein streng gehütetes Staatsgeheimnis; das Schicksal der Gefangenen von Kosjelsk hingegen kam eher zufällig ans Licht. Sie wurden Anfang April 1940 in Güterzügen zum Wäldchen von Katyn transportiert, einer Gegend am Dnjepr westlich von Smolensk. Die Todesfahrten organisierte der Chef der Hauptverwaltung Transportwesen des NKWD, Solomon Milstein. Für die Liquidierung der Gefangenen war eine "Troika" zuständig, an deren Spitze Wsewolod Merkulow, der spätere sowjetische Minister für Staatssicherheit, stand. Alle Hinrichtungen erfolgten durch Schüsse in den Hinterkopf.

Anfang Juni 1940 konnte der NKWD-Offizier Max Goberman melden, dass alle drei Lager geleert und 14.982 Personen "überstellt" worden waren. Tatsächlich kamen noch fast 300 Offiziere aus NKWD-Gefängnissen hinzu. Die Mörder erhielten auf Berijas Anweisung Geldprämien, fast alle schriftlichen Unterlagen über das Verbrechen mussten vernichtet oder im hintersten Winkel von Geheimarchiven versteckt werden.

Doch die Gegend um Katyn wurde 1941 von der Deutschen Wehrmacht erobert. Im Winter 1942/43 erfuhren Angehörige des dort stationierten Nachrichtenregiments 537 von Einheimischen Gerüchte über Massenerschießungen. Außerdem waren zuvor gelegentlich von Wölfen ausgebuddelte Menschenknochen aufgetaucht. Ende Februar 1943 ordnete der Regimentskommandeur Oberstleutnant Friedrich Ahrens die Freilegung mehrere verdächtiger Waldareale an und bald entdeckte man mehrere hundert Leichen in polnischen Uniformen.

Stalins Propagandamaschinerie schlug zurück

Ein renommierter Gerichtsmediziner, Oberstarzt Prof. Gerhard Buhtz, begann umfangreiche Untersuchungen. Anhand von Briefen, Zeitungsausschnitten und Notizbüchern der Ermordeten konnten seine Mitarbeiter den Todeszeitraum auf Mitte bis Ende April 1940 eingrenzen. Viele Offiziere wurden durch Ausweise, Urkunden, Rangabzeichen oder Familienfotos identifiziert. Am 10. April 1943 traf eine Delegation des polnischen Roten Kreuzes in Katyn ein, der man u.a. die Leichen der ermordeten Generale Smorawinski und Bohaterewicz präsentierte. Es war ganz offensichtlich, dass hier ein Massenmord der Sowjets an polnischen Offizieren stattgefunden hatte.

Die deutsche Propaganda begann mit einer Rundfunkmeldung vom 13. April 1943. Am nächsten Tag berichtete die gesamte Presse in großer Aufmachung. "Katyn - ein Beispiel für Judas Anschlag auf Europa" titelte etwa der Völkische Beobachter. Zwar waren die genannten Zahlen von 10.000-12.000 Ermordeten stark übertrieben (es handelte sich um etwa 4.600 Opfer), doch alle anderen Umstände entsprachen den Tatsachen. Eine internationale Untersuchungskommission, der Gerichtsmediziner aus 13 Ländern angehörten, bestätigte den sowjetischen Massenmord.

Nach einer ersten Schrecksekunde schlugen Stalins Propagandisten zurück und behaupteten dreist, die Toten seien Opfer eines Wehrmacht-Massakers. Doch die alarmierte Exilregierung Polens in London begann immer unbequemere Fragen nach dem Verbleib ihrer Offiziere zu stellen. Als Konsequenz brach Stalin die diplomatischen Beziehungen ab. Katyn wurde dem besiegten Deutschland nach 1945 angelastet. (Anm. Dikigoros: Und der Chef der polnischen Exilregierung wurde auf Befehl Churchills ermordet verunfallt.) Sogar während der so genannten Nürnberger Prozesse bildete es einen Anklagepunkt.

Das kommunistische Nachkriegspolen stellte keine peinlichen Fragen

Die belastenden Unterlagen über Katyn ruhten in einem sowjetischen Geheimarchiv und dort in einem besonders gesicherten Raum, zu dem nur die höchsten Staats- und Parteiführer Zutritt besaßen. Polen gehörte inzwischen zum sowjetischen Machtbereich und wagte kaum, peinliche Fragen nach den 15.000 Ermordeten zu stellen.

Im März 1976 mahnte der damalige Geheimdienstchef Juri Andropow die Polen zum "gemeinsamen abgestimmten internationalen Auftreten in Sachen Katyn". Sogar Michail Gorbatschow verhinderte noch Ende 1987 jegliche Offenlegung des Verbrechens. (Anm. Dikigoros: So viel zu dessen viel gerühmter "Glasnost"!)

Eine vorgetäuschte Untersuchung der sowjetischen Staatsanwaltschaft ergab im Mai 1989 "keinerlei neue Anhaltspunkte" über Katyn.

Erst mit Jelzin kam die Aufklärung

Erst nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems, als polnische Historiker mit ihren Erkenntnissen an die Öffentlichkeit gingen, erklärte Gorbatschow im April 1990, dass "der Stalinismus Ursache der Tragödie" war. Doch die sowjetrussischen Archivbehörden behaupteten weiterhin hartnäckig, es existierten keine schriftlichen Unterlagen über die Mordaktionen. Es bedurfte erst eines Machtwortes des damaligen Präsidenten Boris Jelzin, damit die Altkommunisten im Oktober 1992 ihre Akten herausrückten. Nun war ganz eindeutig, dass Stalin mit seiner engsten Entourage den Massenmord angeordnet und anschließend Deutschland beschuldigt hatte. (Anm. Dikigoros: Wenigstens das muß man dem ollen Suffkopp zu Gute halten: Er hat damals mehrere Wiederaufnahmeverfahren veranlaßt, bei denen - nicht nur in Nürnberg - zu Unrecht verurteilte Deutsche offiziell rehabilitiert wurden. Dafür konnten die sich zwar nichts mehr kaufen; aber es zeigt, daß Jeltsin - anders als "der liebe Gorbi" - kein moralischer Schweinehund war. Und, um auch das noch zu erwähnen: Selbst wenn man nicht alle dümmlichen Propaganda-Hetzen des "Wertewestens" gegen Putin für bare Münze nimmt: Der hat sich in Dikigoros' Augen völlig diskreditiert, als er jene neuen Urteile per ordre mufti aufhob und die Rehabilitierten mit einigen wenigen Ausnahmen wieder zu "Kriegsverbrechern" erklärte. Dikigoros schreibt darüber an anderer Stelle mehr - in der letzten Fußnote.)

In jener Zeit kam eine weitere Erkenntnis ans Licht: Katyn war kein Einzelfall. Auch die Insassen der beiden anderen "Sonderlager" waren ermordet worden. In Pjatichatki und Mjednoje fand man riesige Massengräber.


LESERKOMMENTARE
(ausgewählt und z.T. leicht gekürzt von Dikigoros)

Omega (05.02.2028)
Katyn war nur eine Randerscheinung, wenn auch schmerzlich für die Polen, in dem gigantischen leninistisch/stalinistischen Klassenkampf, dem mind. 50 Millionen in der Sowjetunion zum Opfer fielen. Die KGB hatte extra Kommandos, die für die schmutzige Arbeit ausgebildet war, falls Genickschüsse oder Massenerschießungen eingesetzt wurden. Stalin zog jedoch oft Zwangsarbeit bis zum Tot durch Erschöpfung vor, da brauchte er nicht einmal eine Kugel zu opfern.
Nur übertroffen von Mao Tse Tung in China, der 80 Millionen auf verschiedenste Art liquidieren ließ.
Leider wird diese Geschichte nicht aufgearbeitet, die Länder weigern sich, es stehen noch die Götzenbilder/Denkmäler der Verbrecher allerorts.
Das bedeutet nicht anderes, als das sich in diesen Ländern diese gigantischen Verbrechen jederzeit wiederholen können.

Gottfried Winter (05.02.2008)
Am Beispiel des Katyn-Massakers kann man erkennen, wie menschenverachtend das kommunistische Regime war und welches Lügengebäude es aufgebaut hat, um die Welt über seine verbrecherische Natur zu täuschen.
Aber am abscheulichsten ist die Tatsache, dass heute, fast 70 Jahre nach dem Massaker, die Kreml-gesteuerte Presse immer noch versucht das Massaker zu leugnen. (Anm.: Der letzte Satz ist inzwischen überholt. Dikigoros hat darüber bereits in der Nachbemerkung zu dem unten verlinkten Beitrag aus 2005 geschrieben und will sich hier nicht wiederholen.


Nachtrag Dikigoros auf Lesermail: [...]


zurück zu Die Katyn-Lüge