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Man nannte ihn den "rasenden Reporter" und den "König der Journalisten" - letzteres zweifellos zu Recht. Egon Erwin Kisch (1885 bis 1948) beeinflußte Generationen von Schreibern. Er prägte einen neuen Stil, indem er die Person des Autors in den Text einbrachte. Seine Enthüllungen über den Spionagefall Oberst Redl standen am Anfang des modernen Aufdeckungsjournalismus, der sich völlig neuer Mittel wie etwa der verdeckten Recherche bediente.
Der in einer bürgerlichen jüdischen Familie in Prag aufgewachsene Kisch betätigte sich aber nicht nur als Journalist, sondern auch als Schriftsteller, als politischer Publizist und als aktiver Revolutionär, wobei diese Begriffe in seinem Weltbild zusammengehörten. Die später im Diskurs der 1960er Jahre beliebte Frage nach dem "Engagement" stellte sich für ihn nicht. Leben und Engagement bildeten bei Kisch ebenso eine Einheit wie Schreiben und Gesinnung.
Nun ist im Böhlau-Verlag ein neues, umfassendes Buch über den Urvater des modernen Journalismus erschienen: "Egon Erwin Kisch - Stationen im Leben eines streitbaren Autors" heißt das Werk des jungen Wieners Marcus G. Patka, der in jahrelanger Arbeit in verschiedenen Ländern und Erdteilen alle verfügbaren Dokumente über Kisch gesichtet und ausgewertet hat. Daraus entstand ein Buch mit über 400 Seiten Text und mit der umfassendsten bisher erstellten Bibliographie der Primär- und Sekundärliteratur. Patka hat es weder sich noch seinen potentiellen Nachfolgern leicht gemacht: Denn an seinem Buch werden sich künftige Arbeiten über Kisch zu orientieren haben.
Eines von Patkas Hauptverdiensten besteht darin, den geläufigen Kisch-Mythos vom "rasenden Reporter" zu untergraben. Er unterschlägt dabei nicht, daß Kisch an der Entstehung dieses Mythos nicht ganz unschuldig war. Als Meister der Selbststilisierung trat er als PR-Agent in eigener Sache und mit eigenem Logo auf, jener berühmten, lässig im Mundwinkel hängenden Zigarette, ohne die er sich nur ungern fotografieren ließ. Kisch scheute auch nicht davor zurück, die noch heute beliebten Kisch-Anekdoten selbst zu erfinden, wobei er manches unterschlug und vieles dazu erfand.
Die Aufdeckung des Spionagefalles Redl etwa gelang ihm nicht nur durch List, sondern auch durch Zufall, und die meisten originellen Details, die er später der Story hinzufügte, entsprangen dichterischer Freiheit. Nahm man bisher an, daß Kisch über den Spionagefall wesentlich mehr wußte, als er damals schrieb, so geht Patka davon aus, daß er in Wahrheit viel weniger wußte, als er zugab. Auch andere beliebte Kisch-Geschichten, etwa jene von der Erstürmung der Redaktion der "Neuen Freien Presse", weist Patka in das Reich der Fantasie.
Das spezifisch wienerische, glorifizierende und gerade dadurch verharmlosende Kisch-Bild demontiert Patka konsequent. Er zeichnet Kisch nicht als den schlampigen, zerstreuten, eben "rasenden" Reporter, sondern als einen trotz aller Selbststilisierungen um Authentizität und sprachliche Wahrhaftigkeit ringenden Autor. Zwar hatte Kisch selbst einem seiner Bücher den reißerischen Titel "Der rasende Reporter" gegeben, doch seine Leser übersahen die Ironie im Vorwort des Werkes geflissentlich.
Kisch ärgerte sich darüber, daß er den Titel bekam, der dem Buch gehörte. (Anm. Dikigoros: Ja ja, die Geister, die ich rief... :-) Denn er war das Gegenteil eines rasenden Reporters, "ein akribischer Rechercheur und Spurensammler, ein penibler Arbeiter und skrupulöser Stilist, die Sätze feilend, die Worte wägend, langsam, unendlich langsam schreibend, kurzum: ein Schriftsteller - dem ja, nach der Definition von Thomas Mann, das Schreiben schwerer fällt als anderen Menschen", notierte Hans-Albert Walter. Ähnlich dachte Robert Musil, der anmerkte, daß "Egon Erwin Kisch kein durchgefallener, sondern ein aus der Ewigkeitsschule davongelaufener Dichter ist".
Auch Marcus G. Patka stellt nicht die gelegentliche geniale Improvisation, die Kisch beherrschte, in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen, sondern die disziplinierte Arbeit eines Mannes, den nur zweierlei in einen Rasenden
verwandeln konnte: Ungerechtigkeit und Dummheit.
Konsequenterweise handelt Patkas Buch auch nicht vom anekdotischen, sondern vom politischen Kisch. Wer heitere, private Geschichten hören will, ist mit anderen Büchern sicher besser bedient. Patka erzählt unspektakulär, präzise, gelegentlich detailverliebt; er vermeidet Pointen, nimmt sich als Autor zurück und gibt sich politisch neutral, ohne freilich gesinnungslos zu sein. Er vermeidet den Nachteil vieler anderer Kisch-Rezeptionen, die den politischen Kisch entweder leugneten oder verteufelten, indem er kategorisch festhält, "daß die im Westen teilweise verwendete Definitionsformel Kisch minus Sozialismus immer Null ergeben wird".
Kischs Engagement für den Sozialismus blieb von seinem Beginn 1918 bis 1948 (Kischs Todesjahr) zwar konsequent, aber keineswegs ungebrochen. Eine anfängliche echte Begeisterung für
Stalin
relativierte sich bald zu der in den 1930er Jahren gängigen und von den Stalinisten selbst eifrig verbreiteten Formel: "Wer nicht für Stalin ist, ist für
Hitler."
Nach dem Schock des Hitler-Stalin-Pakts wollte Kisch sogar aus der Partei
austreten; ausgerechnet Ernst Bloch, der bürgerliche Professor, brachte ihn damals davon ab.
Kischs Freund Hermann Kesten schilderte dessen politischen Zwiespalt sehr eindringlich: "Das schlimmste war, er glaubte ans System, als wäre es identisch mit seinen Idealen. Obgleich er der geselligste Mensch war, voll gesellschaftlicher Talente, stand er im Kreis seiner Parteifreunde immer ein wenig apart. Die Parteistrategen nahmen ihn nicht ganz ernst; denn Kisch hatte Witz. Die Parteifanatiker mißtrauten ihm ein wenig; denn Kisch war anfällig - er hatte Anfälle von Humanität... Er war intelligent genug, um einzusehen, daß die Tyrannei dieser Tyrannenmörder und Antityrannen in vielen Formen schlimmer als die alte Tyrannei war und zum Absolutismus immer stärker tendierte. Aber als Kisch 1948 starb, hatten seine Tyrannen erst 31 Jahre gewütet, und was waren 31 Jahre gegen die 1.000jährige Sklaverei?"
Kisch war ein durch Humanität verhinderter Revolutionär. Noch bevor er sich den Kommunisten anschloß, prägte ein radikaler Pazifismus seine Weltanschauung. Als einen der wenigen deutschsprachigen Schriftsteller erfüllte ihn im vermeintlich großen Jahr 1914 keinerlei Patriotismus. Zwar trieb ihn seine journalistische Abenteuerlust dazu, mit seinem Prager Hausregiment als loyaler Untertan in Serbien einzumarschieren. Das Elend an der Front, zwei schwere Verwundungen und schließlich der Tod seines Bruders im November 1915 führten dazu, daß er den Krieg und die dahinter stehenden Kräfte abzulehnen begann. Selbst als Führer der revolutionären Roten Garde, die sich am 31. Oktober 1918 in Wien gebildet hatte, fehlte ihm der martialische Instinkt. Zwar gewann er ein Rededuell gegen den Sozialisten Karl Renner, doch den taktischen Finessen eines Widersachers wie Julius Deutsch zeigte er sich nicht gewachsen. Deutsch nahm Kisch das Versprechen ab, mit seiner Garde ohne Munition gegen das Parlament zu marschieren, was einen kommunistischen Putschversuch à priori unmöglich machte. Als aus dem Parlament die ersten Schüsse fielen, führte Kisch die Rote Garde zurück in die sichere Kaserne.
Es folgten jahrelange Polemiken der "AZ" gegen Kisch (und vice versa), die im Kleinen aufzeigten, was Hitlers Machtergreifung eigentlich erst möglich machte: Die tiefe, auch von Moskau aus geschürte Feindschaft zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten.
Kisch begann ein Wanderleben zwischen Prag, Wien und Berlin, schrieb gegen politische Mißstände und Justizwillkür an, verfaßte Theaterstücke und Bücher, führte seine Reisetätigkeit fort. Bei seinem ersten Aufenthalt in Rußland, 1926, zeigte er sich begeistert von den sozialen Errungenschaften der Revolution, blieb aber - trotz mancher ideologischer Scheuklappen - auch für die Fehler des Systems nicht gänzlich blind: "Jeder zweite Mensch trägt eine Aktentasche, denn jeder zweite Mensch ist Beamter; all das, was früher Industrieller, Ingenieur, Kaufmann war, ist verstaatlicht."
1929 besuchte Kisch die USA, wo er umjubelte Vorträge hielt, mit Upton Sinclair und
Charlie Chaplin
zusammentraf und das gesellschaftliche Leben genoß. Doch auch vom kapitalistischen Mythos ließ er sich nicht blenden: "Amerika war nicht nur die längste Reise meines journalistischen Lebens, sondern auch weitaus die ergiebigste, und ich habe eine wunderbare Zeit verlebt, wenngleich ich keinesfalls drüben leben möchte, die Leute haben überhaupt nicht das geringste Interesse an etwas anderem als dem Dollar, die kulturelle Verwahrlosung ist unbeschreiblich."
1931 hielt sich Kisch in Sowjetasien auf, 1932 in China, wo der Bürgerkrieg tobte. Seine vielbeachteten Bücher "Asien gründlich verändert" und "China geheim" entstanden. In letzterem schildert Kisch unter anderem die Machenschaften der Waffenhändler und macht eine zeitlose Feststellung: "In Wirklichkeit ist die ganze Welt eingeteilt in die Interessensgebiete der Waffenfabriken. Man müßte auf der Landkarte sehen: das gehört Schneider-Creuzot, das gehört Krupp-Essen - will sagen Bofors-Schweden, das gehört Dupont-Nemours, das gehört Vickers-Armstrong. Dann würde jeder
verstehen, was überall gespielt wird."
Vielleicht war es sein internationaler Blickwinkel, der Kisch die Sicht auf die unmittelbare Gefahr verstellte. Während Leute wie Kurt Tucholsky oder
Carl von Ossietzky
seit Jahren gegen die Nazis angeschrieben hatten, begann Kisch Hitler erst nach seiner Machtergreifung 1933 ernstzunehmen. Nach dem
Reichstagsbrand
wurde Kisch festgenommen und nach mehrwöchiger Haft, über die er eine seiner aufrüttelndsten und berührendsten Reportagen schrieb, nach Prag abgeschoben. Doch auch hier war er bald nicht mehr sicher. Mit seiner Begleiterin ("faithfull, complacent, horse-teethed Giesl, who looked like a school-mistress and worked for the G.P.U." - Arthur
Koestler) flüchtete er nach Paris. Hier traf er auch seinen alten Freund Joseph Roth wieder, mit welchem er folgenden, von Max von Riccabona überlieferten Begrüßungsdialog geführt haben soll - Roth zu Kisch: "Was für ein grauslicher Bolschewikenjud', hahahaha!" Kisch zu Roth: "Was willst Du denn, Du grauslicher schwarz-gelber Habsburg-Jud'?" Roth zu Kisch: "Dieser gottverdammte Hitler, sogar den Antisemitismus hat er uns versaut."
Nach einer turbulenten Vortragsreise durch Australien, wo Kisch als Arbeiterführer von den Behörden schikaniert und von den Massen gefeiert wurde, engagierte er sich im spanischen Bürgerkrieg. Vergebens. In Europa wurde es für Antifaschisten immer enger. 1939 flüchtete Kisch nach New York. Die amerikanischen Behörden verweigerten dem suspekten
Weltreisenden mit den internationalen Kontakten zunächst die Einreise, ließen ihn aber dann doch an Land, als Kisch beim Verhör log: "I do not belong to a political party."
Trotz der Fürsprache Billy Wilders konnte Kisch sich in Amerika nicht etablieren. So folgte er schließlich mit Giesl, die er inzwischen geheiratet hatte, einer Einladung der mexikanischen Regierung. Von 1940 bis 1946 blieben die beiden in Mexiko. Gerade in dem sonnigen und relativ ruhigen Exilland fühlte sich der umtriebige Kisch unwohl, auch wenn er seine Depression kokett ironisierte, zum Beispiel, als die mächtigen Ruinen der Mayas seiner Beschreibungskunst trotzten: "Im Besitz aller meiner geistigen Kräfte und aus freiem Willen erkläre ich hiermit meinen vollständigen Bankrott als Schriftsteller und Reporter."
Zu seinem 60. Geburtstag 1945 erschien eine Festschrift mit Beiträgen von Heinrich Mann, Alfred Döblin, Lion Feuchtwanger, Oskar Maria Graf und Upton Sinclair. Aus Hollywood traf eine Geburtstagsspende von 200 Dollar ein, an der sich u.a. Billy Wilder,
Bert Brecht
und Franz Werfel beteiligt hatten.
Doch Kischs Sorge um seine Verwandten, die in Prag zurückgeblieben waren, lastete schwer auf ihm. Die ersten Berichte von Todeslagern erreichten ihn in Mexiko. Nach seiner Rückkehr nach Prag wurde es tragische Gewißheit: "Mein Bruder Paul und mein Bruder Arnold sind den entsetzlichen Weg aller Juden gegangen." Doch für Schmerzempfindungen dürfte Kisch, der im Prag der Nachkriegszeit zu einem Museumsstück der Welt von gestern geworden war, keine Kraft mehr gehabt haben. Mit bitterer Ironie äußerte er sich in einem Brief über sein neues Zuhause und seine Zukunftsaussichten: "Diese schöne Wohnung? Die gehörte früher
Adolf Eichmann,
dem Schrecken des Weltjudentums. Die Möbel, Bilder, Nippsachen, ja auch das Netzgitter, dort am Balkon, eigens für sein Kind gemacht, das alles war einmal seines. Wie? Nein, es stört mich nicht, nicht einmal beim Einschlafen. Oh ja, man hat mir eine Reihe von Stellungen angeboten, mindestens Ministerialrat und so, aber ich bin nichts, nur Schriftsteller".
1948 starb Kisch an einem Schlaganfall. Gerade rechtzeitig, wie manche meinten - denn die berüchtigten Säuberungsprozesse begannen die Reihen der Genossen zu lichten. So blieb es Kisch wenigstens erspart, an jener Weltanschauung zu sterben, für die er gelebt hatte.
Marcus G. Patka: Egon Erwin Kisch. Stationen im Leben eines streitbaren Autors. Böhlau-Verlag, Wien, Köln, Weimar 1997, 565 Seiten.
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