Der nordkoreanische Diktator Kim Il Sung hat dem Niedergang des Kommunismus erfolgreich getrotztDer idyllisch gelegene Tempel am Myohyang-Berg, rund 150 km nördlich von Pjöngjang, bewahrt alte buddhistische Schriften und Druckplatten auf. Er gilt als nationales Heiligtum der Koreaner. Jenseits des Flusses steht ein Tempel der Gegenwart. Vor den tonnenschweren Bronzetoren wachen bewaffnete Posten. Das fensterlose Haus mit dem feingeschnitzten Holzdach im chinesischen Stil ist einem alten und einem jungen Gott gewidmet. Hier lassen der koreanische Herrscher Kim Il Sung, 79 ("Der große Führer"), sowie sein Sohn und designierter Nachfolger Kim Jong Il, 50 ("Der liebe Führer"), die Staatsgeschenke, die ihnen in ihrer langen Amtszeit dargeboten wurden, für die Ewigkeit aufbewahren. Rolltreppen führen hinab in ein mit grünen Teppichen ausgelegtes Prachtgewölbe, vorbei an zwei aus 1500 Jahre alten Gingko-Bäumen geschnitzten Standuhren. Aus Furcht vor Atombombenschlägen des imperialistischen Feindes wurden die Stollen 400 Meter tief in den Berg getrieben. In einer Halle hat sich Sohn Kim auf einem marmornen Sockel ein Gipsdenkmal setzen lassen. Hinter mehr als hundert dunklen Edelholztüren - die Griffe sind mit Edelsteinen besetzt - liegen die Kitsch- und Kunstpräsente, die Verehrer aus aller Welt dem Herrscherpaar darboten. Vom früheren zentralafrikanischen Kaiser Bokassa stammen die angeblich größten Elfenbeinzähne der Welt, der gestürzte SED-Chef Erich Honecker spendierte unter anderem einen Revolver, dessen Lauf eingraviertes Eichenlaub schmückt. Der für 150 Millionen Mark errichtete Bau ist Symbol für den Größenwahn, mit dem die beiden Kims einen der letzten stalinistischen Staaten regieren. Gemessen an kommunistischen Diktaturen wie Kuba und China, erscheint Nordkorea Lichtjahre zurück, ja wie von einem anderen Stern - so bizarr ist sein Führerkult, so monströs die Gleichschaltung seiner über 22 Millionen Bürger. Das Land beherrscht ein kranker Greis, der sich als "Sonne" bezeichnen läßt und laut offizieller Propaganda in seinem Leben noch nie einen Fehler gemacht hat. Jeder Bürger muß eine Plakette mit Kims Kopf am Revers tragen. Wer eine Zeitung mit dem Bild des Führers wegwirft, riskiert, als Konterrevolutionär in einem der zwölf Gulags zu verschwinden. Westliche Menschenrechtsorganisationen schätzen die Zahl der politischen Gefangenen auf annähernd 100.000. Alle Erlebnisse und Worte der Kims, auch die banalsten, sind in zahlreichen Druckwerken für die Untertanen festgehalten. Taten wie eine Ordensverleihung an verdiente Arbeiter, für die der große Führer sein Mittagessen verschob, erhebt die Propaganda zu Ereignissen von historischer Bedeutung. Dieser wahrhaft Orwellsche Sonnenstaat scheint von den Veränderungen in Osteuropa völlig unberührt. Anzeichen von Reformwillen, Öffnung oder Dissens existieren nicht. Studenten des Fachbereichs Deutsch an der Kim-Il-Sung-Universität plappern getreulich nach, was Zeitungen und Dozenten ihnen täglich einschärfen: Politische Neuerungen seien in Korea überflüssig, denn die von Kim Il Sung erfundene "Chuche"-Ideologie (etwa: Selbstbestimmung und Autarkie) habe die Nordkoreaner mit "geistiger Überlegenheit" ausgestattet. Zugang zu westlichen Zeitungen oder westlicher Literatur haben die grünuniformierten Hochschüler nicht, der Kontakt zu Ausländern ist streng reglementiert. Radiogeräte mit Kurzwelle, die den Empfang ausländischer Sender ermöglichen würden, sind nicht zu kaufen. Im Unterricht übersetzen die Deutschstudenten Satzungetüme wie: "Mittels der politischen und ideologischen Vorzüge der revolutionären Volksstreitkräfte die imperialistische Aggressionsarmee besiegen!" Auch die Studentin Kang, die den Zusammenbruch des DDR-Sozialismus Ende 1989 an der Humboldt-Universität erlebte, scheint von der Erfahrung unbeeindruckt und denkt mit Abscheu an das "Chaos" zurück: So etwas könne in Korea nicht passieren, weil Partei und Volk eins seien. Die Menschen in der DDR hätten die "wahre Überlegenheit des Sozialismus nicht erkannt". "Wir haben unsere Tore bereits genug geöffnet", belehrte vorige Woche der Chef der ZK-Abteilung für Internationale Angelegenheiten, Kim Yong Sun, eine Parlamentarier-Delegation aus der Bundesrepublik, die zur Tagung der Interparlamentarischen Union in Pjöngjang weilte. In Wirklichkeit gerät Nordkorea in immer größere Isolation, die wirtschaftlichen Schwierigkeiten nehmen zu. Der Staat ist im Ausland mit rund fünf Milliarden Dollar verschuldet. (Anm. Dikigoros: Aber nur, weil die meisten Kredite bereits als à fond perdu abgeschrieben oder erlassen, d.h. in Geschenke umgewandelt wurden - sonst wäre die Verschuldung mindestens zehnmal so hoch!) Viele westliche Botschafter und Handelsvertreter, etwa die Schweden und Finnen, bleiben nur noch deshalb in Pjöngjang, weil sie hoffen, investiertes Geld vor Ort besser eintreiben zu können. Eine Baustelle, auf der ein riesiges Hotel von Franzosen hochgezogen werden sollte, ist verwaist: Die Gastarbeiter zogen ab, als sie kein Geld mehr bekamen. Auch die Arbeiten am höchsten Gebäude Asiens, einem pyramidenförmigen Monstrum, das der koreanische Pharao zu seinem Ruhm errichten lassen wollte, stehen still. Um die Devisenkasse zu füllen, verkaufen die Nordkoreaner "schnell und zuverlässig" (ein europäischer Diplomat) nur noch eine Ware: Waffen, die zumeist mit chinesischer und iranischer Hilfe entwickelt wurden. Die Kunden kommen vor allem aus Nahost, der Verkaufshit ist neben Artilleriegeschossen eine modernisierte Version der sowjetischen Scud-B-Rakete, die Korea jüngst an Syrien lieferte. Ihr Zünder wird in der Stadt Morambang auf - bislang unbezahlten - Schweizer Präzisionsmaschinen geschliffen, die ursprünglich für die Herstellung von Uhren gedacht waren. Wirtschaftsstatistiken veröffentlichen die Regierenden seit Jahren nicht mehr. Auf dem Land ernähren sich die Bauern ausschließlich von Reis und der Nationalspeise Kimchi, eingelegtem Kohl. Fleisch und Südfrüchte gibt es in den Läden der Hauptstadt nur selten. Um den westlichen Parlamentariern das Bild einer bescheidenen, aber ausreichenden Versorgung vorzugaukeln, hatten die Verkäuferinnen in der vorigen Woche die Regale mit Tomaten, Salat, Zwiebeln und Radieschen vollgepackt. Doch kaufen konnten die Koreaner die leicht vergammelte Ware nicht: Die Produkte gibt es nur auf Bezugsschein. Für eine 500-Gramm-Büchse Schinkenfleisch muß der Kunde Marken im Wert von 70 Won (38 Mark), fast einen ganzen Monatslohn, hinlegen. Ein Paar Frauenschuhe aus Kunstleder ist im Zentral-Kaufhaus Nummer eins für 23 Won zu haben, ein Anzug kostet 325, ein Kühlschrank 400 Won. Korea, erklärt die Studentin Kang den Mangel, müsse wegen der südkoreanischen Bedrohung eben viel für die Landesverteidigung ausgeben. Trotz des erdrückend totalitären Systems zweifeln Ausländer daran, daß der Führungswechsel vom Vater zum Sohn problemlos verlaufen wird. "Das ist ein schmerzhaftes Thema unter den Kadern", sagt ein sowjetischer Botschaftsangehöriger, "hier ist alles drin." Spekulationen um parteiinterne Intrigen wurden jüngst neu angeheizt, als im Westen eine Meldung des nordkoreanischen Rundfunks über eine "antirevolutionäre Verschwörung" aufgefangen wurde, die sich gegen die "Blutlinie der Parteiführung" gerichtet habe und von Kim Jong Il zerschlagen worden sei. Als fast zeitgleich auch noch die Baustelle des Staatszirkus - ein Lieblingsprojekt des Kim-Sohnes - unter mysteriösen Umständen in Flammen aufging, sahen viele Westdiplomaten darin schon die Vorboten einer Palastrevolte. Doch die Partei-Presse tituliert den Junior mit den ondulierten Haaren und dem Ruf eines Playboys wie den Vater weiterhin als "genialen Führer und Theoretiker aller Völker" und "Vater der Nation". Zudem bekam er wie der Papa den Titel "Oberkommandierender der Streitkräfte", ohne daß der Senior offiziell von diesem Posten abgelöst wurde. Schamlos demonstriert die Partei ihre Entfremdung vom Volk. Funktionäre fahren in Mercedes- und BMW-Limousinen durch die Straßen. (Anm. Dikigoros: Ob wenigstens die bezahlt sind?) Der große Führer selbst läßt sich in einem Mercedes oder in einem Cadillac chauffieren, derweil seine Propagandamaschine gegen die "Yankee"-Kultur wettert. Die Mitglieder des ZK wohnen mitten in der Stadt in einem Sonderviertel, das aus gelben, grauen oder roten Hochhäusern mit bis zu 20 Stockwerken besteht. Entspannen können sie sich in einem riesigen Restaurant. Straßensperren, Zäune und graue Betonmauern mit Wachposten verwehren den Einblick ins koreanische Wandlitz. Pjöngjang, die Hauptstadt des roten Reiches, wirkt gespenstisch leer: In den Straßen liegt kein Müll, Menschen verschwinden schnell in den Eingängen, Eltern holen ihre Kinder von den Spielplätzen, wenn ein Ausländer ihr Wohnviertel betritt. Aus dem Straßenbild haben die Funktionäre alles eliminiert, was ihr Ordnungsempfinden stören könnte: Kein Behinderter, kein Langhaariger, kein Liebespaar ist zu sehen. Der Zugang zur Hauptstadt ist Koreanern vom Lande in der Regel nur einmal im Jahr erlaubt - selbst für Verwandtenbesuche. Bewaffnete Posten kontrollieren die Zufahrtsstraßen, Militärstreifen halten Passanten auf der Straße an. An Hofeingängen steht die Staatssicherheit, jeder Hauseingang hat einen Aufpasser, der hinter einem kleinen Fenster den Flur überwacht. Der Alltag ist streng geregelt. Um sieben Uhr morgens heulen die Sirenen - Signal für die Bürger, zur Arbeit zu gehen. Freitags treiben die Nordkoreaner kollektiv Sport, am Samstag sind sie gehalten, die Werke der Kims zu lesen. Kinder mit roten Pioniertüchern kommen in geschlossener Formation von der Schule. Bevor sie nach Hause eilen, stellen sie sich auf Kommando eines Gleichaltrigen in Reih' und Glied auf und singen ein Loblied auf Kim Jong Il. Vor dem Präsidentenpalast schießen Fontänen in den Himmel, auf dem Rasen stolzieren Fasane; Kim liebt die Prachtentfaltung absolutistischer Monarchen. Unter dem Palast befindet sich eine eigene U-Bahn-Station nur für den großen Führer. Unbekannt ist, ob er jemals seinen Privatbahnhof benutzt hat. Sein Porträt hängt in jedem Waggon. Den Triumphbogen, zu seinem 70. Geburtstag erbaut, empfanden die Architekten dem Pariser Arc de Triomphe nach, nur daß er ein paar Meter höher sein mußte. Einige Kilometer entfernt blitzt die mächtige Bronzestatue des großen Führers in der Sonne. "Wir leben hier im Paradies", sagt der ZK-Funktionär Kim Yong Sun. Er scheint es wirklich zu glauben. weiter zu Party in Pjöngjang zurück zu Luise Rinsers Reisetagebuch Nordkorea |