Die moderne russische und die
verrottende britische Seemacht

von Thomas Röper (Anti-Spiegel, 07. Mai 2025)

Anmerkungen und stillschweigende Korrektur der
gröbsten Übersetzungsfehler: Nikolas Dikigoros

Vor dem Hintergrund des Ukraine-Krieges wird die neue russische Marine gerne übersehen. Ein britischer Experte hat sich mit dem Thema beschäftigt und die russische Marine mit der britischen verglichen, die den Ambitionen Londons als globale Seemacht schon lange nicht mehr gerecht wird.

Dass Russland längst (wieder) eine weltweit führende Seemacht ist, wird im Westen oft übersehen. Russland verfügt aktuell über mehr als 110 teilweise neue und hochmoderne Überwasserkampfschiffe (Versorgungsschiffe nicht mitgerechnet) und über 67 U-Boote, davon 43 atomgetriebene. In der NATO wird Großbritannien immer noch als mächtige Seemacht dargestellt, dabei ist die britische Marine in einem bedauernswerten Zustand. Auf dem Papier verfügt die britische Surface Fleet über etwa 70 Überwasserschiffe (nicht alle davon Kampfschiffe) und bei den U-Booten setzt Großbritannien ganz auf Atom-U-Boote, von denen es etwa zehn Stück hat.

Außerdem ist die britische Marine in einem beklagenswerten Zustand. Schlagzeilen macht sie vor allem mit nicht funktionierenden Schiffen, wie der Pannenserie bei ihren Flugzeugträgern, die mehr im Dock als auf See sind, und mit all den anderen Kriegsschiffen, die jahrelang im Dock liegen, während London kaum einsatzbereite Kampfschiffe hat. Übrigens sind auch die britischen Atomwaffen dank ihrer vielen Bestandteile aus US-Produktion nur mit Einwilligung der USA einsetzbar. Und dass Großbritannien über kein nennenswertes Heer verfügt, sei nur am Rande bemerkt.

Die britischen Großmachtambitionen werden in der Realität also durch nichts bestätigt und auch wirtschaftlich ist Großbritannien immer weiter in die Bedeutungslosigkeit gerutscht. Beim BIP nach Kaufkraftparität (das meiner Meinung nach das einzige zum Vergleich der Wirtschaftskraft von Staaten geeignete ist) liegt Großbritannien auf Platz 10, während Russland auf Platz 4 liegt und an Deutschland und Japan vorbeigezogen ist, was westliche Medien auch lieber verschweigen, weil sie Russland als wirtschaftlich schwach darstellen wollen, und Volkswirtschaften daher nach dem (für solche Vergleiche ungeeigneten) nominalen BIP vergleichen, nach dem westliche Staaten weltweit führend sind.

Beim US-Thinktank Quincy Institute for Responsible Statecraft hat ein britischer Experte einen Artikel über das Modernisierungsprogramm der russischen Marine und über den Zustand der britischen Marine geschrieben, den ich übersetzt habe, weil man solche Informationen in westlichen Medien sonst kaum findet.

Beginn der Übersetzung:

Wie Russlands Aufrüstung seiner Marine völlig unbemerkt blieb

In der sich abzeichnenden neuen Weltordnung der militärischen Lastenteilung zwischen den USA und Europa bleibt unklar, ob die britische Royal Navy dieser neuen Herausforderung gewachsen ist.

von von Ian Pround

Derzeit gibt es nur drei global agierende Seemächte: die USA, China und Russland. Die britische Royal Navy ist leider zu einer kleinen regionalen Seemacht degeneriert, die sich gelegentlich auch etwas weiter entfernt verlegen kann. Wenn Donald Trump möchte, dass die europäischen Staaten für ihre kollektive Sicherheit selber sorgen, wäre Großbritannien möglicherweise besser beraten, seine wenigen verbliebenen Schiffe im atlantischen Operationsraum zu belassen.

Europäische Politiker und Journalisten sprechen ständig von der enormen Herausforderung, einer offenbar unmittelbar bevorstehenden russischen Invasion entgegenzuwirken, sollten die USA unter Präsident Trump aus der NATO austreten. Da die russische Schwarzmeerflotte während des Krieges weitgehend in das östliche Schwarze Meer gedrängt wurde, der Ukraine aber dennoch schweren Schaden zufügen konnte, spricht kaum jemand über die tatsächlichen russischen Marinekapazitäten, mit denen die westliche Dominanz herausgefordert wird, oder darüber, wie das zunehmend mit den maritimen Interessen der USA im Pazifik und möglicherweise in der Arktis kollidieren wird.

Das wurde am 22. April deutlich, als die Royal Navy ihre Trägerkampfgruppe 25 für acht Monate in den indopazifischen Raum entsandte. An Bord des Flugzeugträgers HMS Prince of Wales, mit einem ergrauten Anstrich wie aus einem Low-Budget-Top-Gun-Film, erklärte der britische Premierminister Keir Starmer, dass der Einsatz zeige, wie sehr Großbritanniens „Engagement für globale Stabilität“ stehe. Dies sei eine nie dagewesene Botschaft an die Gegner Großbritanniens und ein deutliches Zeichen der Einheit gegenüber den Verbündeten sowie Britanniens Bekenntnis zur NATO.

Diese Botschaft überzeugte mich nicht. Unterstützt von jeweils einer Fregatte aus Kanada, Norwegen und Spanien lief fast die Hälfte der britischen Kampfschiffe unter großem Tamtam aus Portsmouth und Devonport aus. Mit der Hälfte der Schiffe meine ich konkret: einen Flugzeugträger, einen Zerstörer, eine Fregatte und ein Angriffs-U-Boot. Genau: vier Schiffe.

Das bedeutet, dass die Royal Navy zur Verteidigung der britischen Küste nur noch einen Zerstörer, zwei Fregatten – eine dritte befindet sich derzeit in den Gewässern vor Oman – und ein Angriffs-U-Boot zur Verfügung hat. Neun weitere Schiffe liegen in Trockendocks, drei weitere werden gewartet. Drei der erst 2014 vom Stapel gelassenen Angriffs-U-Boote der Astute-Klasse befinden sich im Durchschnitt seit mehr oder weniger zwei Jahren in Reparatur, während die HMS Daring, der „modernste Luftabwehr-Zerstörer der Welt“, seit 2017 im Trockendock vor sich hin rostet.

Wenn Präsident Trump glaubte, Großbritannien könne in Europa mehr Verantwortung für die Seesicherheit im Atlantik übernehmen, dann irrt er sich. Großbritannien, einst die führende Seemacht der Welt, verfügt heute lediglich über neun seetüchtige Kampfschiffe, die Atom-U-Boote, die Großbritanniens ständige nukleare Alarmbereitschaft auf See bilden, nicht mitgerechnet.

Ich habe gerade die Lektüre von The Royal and Russian Navy: Cooperation, Competition and Confrontation („Die königliche und die russische Marine: Kooperation, Konkurrenz und Konfrontation“) beendet, verfasst vom ehemaligen britischen Marineattaché in Moskau, Captain a.D. David Fields, und Robert Avery, pensionierter Dozent am Zentrum für Sprachen und Kulturen der britischen Verteidigungsakademie. Die Autoren argumentieren in ihrem Buch, dass wir uns zwar hauptsächlich auf die russische Armee in der Ukraine konzentriert haben, die russische Marine jedoch in rasantem Tempo aufgerüstet hat. Russland gleichzeitig als ein Relikt aus der Zeit des Kalten Krieges zu betrachten, sei ein großer Fehler gewesen.

Obwohl Russland wirtschaftlich nur halb so groß wie Großbritannien ist und unter den Sanktionen sowie den engen finanziellen Zwängen des Ukraine-Kriegs leidet, haben russische Werften in den vergangenen zehn Jahren ununterbrochen neue Schiffe gebaut. Seit 2011 hat die russische Marine 27 U-Boote, sechs Fregatten, neun Korvetten, 16 kleinere Raketenschiffe und weitere Schiffe zur maritimen logistischen Unterstützung in Dienst gestellt. Viele weitere sind im Bau und sollen bis Ende dieses Jahrzehnts an die Marine übergeben werden. Oder wie die Russen sagen: „Quantität hat ihre ganz eigene Qualität.“

Russland verfügt nun über die furchterregende Fähigkeit, die NATO-Staaten mit im Ukraine-Krieg erprobten Fähigkeiten zu bedrohen, etwa mit seinem Marschflugkörper vom Typ Kalibr für Angriffe auf bodengestützte Ziele, der in großem Umfang gegen kritische ukrainische Infrastruktur eingesetzt wurde. Die neuen Schiffe der russischen Marine werden für den Einsatz von Hyperschallraketen vom Typ Zirkon und für andere Innovationen ausgerüstet, z.B. für eine nukleare Unterwasserdrohne. Ich beschäftige mich schon lange genug mit Russland, um mich an das im Jahr 2015 versehentliche – im Grunde genommen nicht zufällige – Durchsickern der russischen Pläne für diesen Atomtorpedo im Fernsehen zu erinnern.

Die Royal Navy hingegen ist angesichts der Kürzungen im Verteidigungsetat weiter geschrumpft, und jede neue Steigerung bei der Kosteneffizienz macht sie noch kleiner. Die beiden Landungsschiffe der Albion-Klasse, die erst seit 20 Jahren im Einsatz sind, wurden stillgelegt, und die Verhandlungen über ihren Verkauf an Brasilien befinden sich in einem fortgeschrittenen Stadium. Die Erhöhung der Verteidigungsausgaben auf 2,5% des BIP wird größtenteils von den aufgeblähten Beschaffungsprogrammen des Verteidigungsministeriums aufgefressen, die sich typischerweise verzögern und stets ihr Budget überschreiten. Und dies wird nicht zu einem rasanten Anstieg im Bau neuer Schiffe führen, wie es Russland seit Beginn der Ukraine-Krise rasant in Gang gesetzt hat.

Das o.g. Buch unterstreicht zudem die Bedeutung des Dialogs als Schlüsselelement der Abschreckung und erinnert den Leser an die bedeutende Zusammenarbeit zwischen den Marinen Russlands und Großbritanniens nach dem Kalten Krieg. Als die HMS Battleaxe 1992 in Baltijsk einlief, der erste Besuch eines Schiffes der Royal Navy im modernen Russland, sah sie sich einer verfallenen Werft und den Überresten der sowjetischen Marine gegenüber. Die meisten Schiffe waren verrostet und see-untüchtig. Das war vielleicht eine Vorschau auf den Zustand der Royal Navy in heutiger Zeit. Bereits im Jahr 2010 begann sich das Blatt zu wenden. Die russische Marine war zum Hauptnutznießer des russischen staatlichen Rüstungsprogramms geworden. Ein russischer Admiral sagte damals, die Entscheidung Großbritanniens im Jahr 2010, seine Flugzeuge für die Seeaufklärung vom Typ Nimrod aufzugeben, habe ihm das Leben erleichtert.

Als Russland 2014 die Krim besetzte, wurde auf Betreiben der britischen Regierung praktisch jede direkte Zusammenarbeit zwischen der königlichen und der russischen Marine abgebrochen. Heute haben Großbritannien und Russland erstmals seit 1941 keine aktiven Militärattachés mehr in ihren jeweiligen Botschaften in London und Moskau. Unsere moderne Generation von Seeleuten kann die Russen nur noch durch Ferngläser, Periskope und Visiere beobachten. Und die Russen besitzen dabei mehr Waffen als wir Briten. Großbritannien hat buchstäblich zugesehen, wie eine sich modernisierende russische Marine in See stach und in die Ferne segelte, während wir Russland gleichzeitig vom Elfenbeinturm aus kritisierten.

Der lächerliche Fototermin an Deck der HMS Prince of Wales lässt nicht erkennen, dass Keir Starmer verstanden hat, dass es auf der Welt nur noch drei globale Seemächte gibt: die USA, China und Russland, und dass die russischen maritimen Ambitionen nun auch im hohen Norden, in der Arktis, sowie im Pazifik gewachsen sind.

Während Großbritanniens bescheidene Trägerkampfgruppe in Richtung Osten dampfte, beteiligt sich Russland bereits an gemeinsamen Marineübungen mit China und dem Iran sowie an Hafenbesuchen in Myanmar und anderen Ländern der Region. Großbritannien hat praktisch keinen Spielraum mehr, die zunehmend selbstbewusste Marinepräsenz Russlands in Asien einzudämmen.

Diese jahrzehntelange mangelnde Bereitschaft zum Engagement – nicht nur von Seiten Großbritanniens, sondern auch von Seiten der USA vor Trump – hat uns im Unklaren darüber gelassen, wie sich die russische militärische Doktrin und Taktik während des Kriegsgeschehens in der Ukraine verändert haben. Für mich ist klar, dass Großbritannien in dieser neuen Weltordnung der militärischen Lastenteilung zwischen den USA und Europa besser aufgestellt wäre, wenn es seine wenigen Schiffe im Atlantik beließe, und es den USA überließe, im Pazifik zunehmend mit der russischen Marine in Kontakt zu treten.


Ian Proud war 1999-2023 Mitglied des Diplomatischen Dienstes Ihrer Majestät. Von Juli 2014 bis Februar 2019 diente er an der britischen Botschaft in Moskau. Er war außerdem Direktor der Diplomatischen Akademie für Osteuropa und Zentralasien und stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Anglo-Amerikanischen Schule in Moskau.

Ende der Übersetzung


LESERPOST
(ausgewählt und z.T. leicht gekürzt von Dikigoros)

Steve (07.05.2025):
[...] Sollte jemand Großbritannien angreifen, dann wird das mit Raketen passieren, gegen die die Marine eh chancenlos ist. Und falls jemand britische Handelsschiffe angreifen will, dann kann nicht einmal die US-Marine diese schützen. Wofür also braucht Großbritannien Kriegsschiffe? [...] (Anm. Dikigoros: Um andere Länder anzugreifen - oder Gas-Pipelines in der Ostsee zu zerstören!)

VladTepes (07.05.2025):
Sicher ist das kleine Brittchen auf dem absteigenden Ast [...] Doch auch ohne große Flotte können die jede Menge Schaden anrichten - ihrer Mentalität und der neuen Unterwasserdrohnentechnik geschuldet [...] Solche Drohnen mit speziellen Sprengstoffen bestückt und zielgenau platziert/gesteuert - der perfekte Wasserterrorist ist fertig, da braucht man keine großen Schiffe mehr [...] Und das Zeugs ist weit billiger als große Schiffe und U-Boote. Drohnen und Terror - der Krieg der Zukunft! (Anm. Dikigoros: Die sollen bloß aufpassen, daß sie sich nicht selber eine russische Poseidon-Unterwasserdrohne einfangen - dann ist Schluß mit lustig -; aber der einst berühmte "britiche Humor" ist ja eh längst tot - ein Opfer der "political correctness" -, da kommt es auf die paar Millionen Limeys auch nicht mehr an :-)

Zappenduster (07.05.2025):
[...] Überwasserschiffe sind für Gegner mit Satellitenüberwachung und Feuerkraft nur noch Bleienten mit Luftfüllung. 1900 ist schon lange her. (Anm.: Z. - wie schon der Name sagt, kein großes Licht - überschätzt mal wieder das historische Hintergrundwissen des Durchschnittslesers: Anno 1900 veranstaltete Großbritannien eine riesige Flottenschau, um der Welt zu zeigen, daß es auf diesem Gebiet die Nr. 1 war.)

Heiko (07.05.2025):
Mit der Rüstung im Westen ist es wie mit den Aktien: Der Glaube bestimmt den Wert [...]

leshrai (07.05.2025):
Ein Schiff oder U-Boot kostet Millionen. Eine Drohne zu Wasser oder in der Juft ein Paar Tausender [...] Die Zeiten ändern sich. Die Sandkasten-Panzerspiele sind was von gestern, wie auch die Generäle, die da voller Stolz die Zeit verpennt haben.


weiter zu: Der desolate Zustand der Royal Navy (vom selben Autor)