Der desolate Zustand der Royal Navy

Austritte von Radioaktivität, Drogen und Vergewaltigungen

von Thomas Röper (Anti-Spiegel, 28. Oktober 2025)

Anmerkungen & ergänzende Links: Nikolas Dikigoros

Die britische Navy ist in einem beklagenswerten Zustand. Die meisten Kampfschiffe sind permanent in Reparatur, und in der Basis der britischen Nuklearstreitkräfte gibt es immer wieder Skandale um ausgetretene Radioaktivität, Vergewaltigungen und Drogenkonsum.

Dass deutsche Medien den Zustand der britischen Marine nicht berichtenswert empfinden, mag man ja noch verstehen, aber dass man in deutschen Medien praktisch nichts darüber hört, dass im in Schottland gelegenen Navy-Stützpunkt Clyde, in dem die britischen Atom-U-Boote stationiert sind, immer wieder Radioaktivität austritt und auch in die Nordsee gelangt, ist schon bemerkenswert und riecht nach Vertuschung. Aber das ist bei weitem nicht das einzige Problem der britischen Nuklearstreitkräfte.

Der traurige Zustand der britischen Marine

Im Mai habe ich einen Artikel des Quincy Institute für Responsible Statecraft übersetzt, der den traurigen Zustand der britischen Marine aufgezeigt hat. Zur Erinnerung: Großbritannien sieht sich immer noch als eine der führenden Seemächte an und tut so, als sei es eine militärische Großmacht. Wie sehr das aus einer Parallelwelt stammt, zeigen die Beispiele aus dem Artikel, die jeder gerne überprüfen kann.

So hat die Royal Navy im April ihre Trägerkampfgruppe unter Führung des Flugzeugträgers HMS Prince of Wales für acht Monate in den indopazifischen Raum entsandt. Unterstützt wird der britische Träger dabei von jeweils einer Fregatte aus Kanada, Norwegen und Spanien - und von fast der Hälfte der einsatzbereiten britischen Kampfschiffe. "Hälfte" klingt toll, aber das waren der Flugzeugträger, ein Zerstörer, eine Fregatte und ein U-Boot. Fast die Hälfte der einsatzbereiten britischen Kampfschiffe bedeutet: vier Schiffe.

Zur Verteidigung der britischen Küste sind damals nur noch ein Zerstörer, zwei Fregatten – eine dritte war in den Gewässern vor Oman – und ein U-Boot übrig geblieben. Neun weitere Schiffe lagen in Trockendocks, drei weitere wurden gewartet. Drei der erst 2014 vom Stapel gelassenen U-Boote der Astute-Klasse befinden sich im Durchschnitt seit mehr oder weniger zwei Jahren in Reparatur, während die HMS Daring, der „modernste Luftabwehr-Zerstörer der Welt“, seit 2017 im Trockendock vor sich hin rostet.

Im August spotteten Briten auf X, dass die Daring nun 3.000 Tage nicht mehr auf See war. Dazu wurde ein vielsagendes Bild gepostet, das farblich markiert zeigte, wie viele britische Schiffe tatsächlich einsatzbereit waren (ganze 9) und wie viele schon wie lange in Reparatur oder Wartung waren.

Austretende Radioaktivität

Bei dem traurigen Zustand der britischen Navy wundert es nicht, dass es im britischen Marinestützpunkt im schottischen Clyde, der die britischen Atom-U-Boote und die britischen Atomwaffen beherbergt, immer wieder zu Austritten von Radioaktivität kommt. Seit 2010 wurden in der nuklearen Infrastruktur der Basis Clyde offiziell mehr als 30 verschiedene Leckagen registriert, darunter überlaufende Behälter bis hin zu Überschwemmungen in Wartungsbereichen für waffenfähiges Plutonium. Zwischen 2023 und 2025 ereigneten sich zwei Vorfälle der Kategorie A, der höchsten Gefahrenstufe für nukleare Anlagen.

Im August 2025 wurden neue Details über die Vorfälle bekannt. Damals berichtete der Guardian exklusiv, und sein Artikel begann wie folgt:

"Radioaktives Wasser aus dem Stützpunkt, in dem die britischen Atombomben gelagert werden, gelangte ins Meer, nachdem alte Rohre wiederholt geplatzt waren, wie offizielle Akten zeigen. Das radioaktive Material gelangte in Loch Long, einen Meeresarm in der Nähe von Glasgow im Westen Schottlands, weil die Royal Navy ein Netz von 1.500 Wasserleitungen auf dem Stützpunkt nicht ordnungsgemäß instand gehalten hatte, wie eine Aufsichtsbehörde feststellte. Das Waffendepot in Coulport am Loch Long ist einer der sichersten und geheimsten Militärstandorte Großbritanniens. Es beherbergt den Nachschub an Atomsprengköpfen der Royal Navy für ihre Flotte von vier Trident-U-Booten, die in der Nähe stationiert sind."

Wie der Guardian auch berichtete, wollten die Behörden den Austritt der Radioaktivität geheim halten:

"Akten der schottischen Umweltschutzbehörde (Sepa) deuten darauf hin, dass bis zur Hälfte der Komponenten des Stützpunkts ihre geplante Lebensdauer überschritten hatten, als die Lecks auftraten. Die Sepa erklärte, die Überschwemmung in Coulport sei durch „Mängel bei der Wartung“ verursacht worden, die zur Freisetzung „unnötigen radioaktiven Abfalls“ in Form geringer Mengen Tritium geführt hätten, das in Atomsprengköpfen verwendet wird. In einem Bericht aus dem Jahr 2022 machte die Behörde die wiederholte mangelnde Wartung der Ausrüstung im Lagerbereich der Sprengköpfe durch die Marine für die Lecks verantwortlich. Die Pläne zum Austausch von 1.500 alten, bruchgefährdeten Rohren seien „suboptimal“ gewesen. Die Lecks wurden in einem Sammelsurium vertraulicher Inspektionsberichte und E-Mails aufgedeckt, die der investigativen Website „The Ferret“ übergeben und dem Guardian zur Verfügung gestellt wurden. Sepa und das Verteidigungsministerium kämpften für deren Geheimhaltung. Sie wurden auf Anordnung von David Hamilton, dem schottischen Informationsbeauftragten, der die schottischen Informationsfreiheitsgesetze überwacht, freigegeben, nachdem Reporter sechs Jahre lang um Zugang zu den Akten gekämpft hatten."

Tritium, das demnach ins Wasser gelangt ist, ist ein Wasserstoff-Isotop, das sich leicht in Wasser und organischen Moleküle einlagert und daher nicht nur eine Gefahr für die Umwelt, sondern auch für die umliegende Bevölkerung darstellt.

Das waren nur einige Beispiele; der Guardian-Artikel listet noch weitere auf und berichtet über die Versuche der Regierung, die Zwischenfälle zuvertuschen und geheim zu halten. Besonders besorgniserregend ist, dass auch die schottische Umweltschutzbehörde Sepa an den Vertuschungen beteiligt ist.

Die Häufigkeit solcher Vorfälle in der Basis Clyde bestätigt das Ausmaß des Verfalls der militärischen Infrastruktur der britischen Navy und die insgesamt desolate Lage innerhalb der britischen Streitkräfte.

Die Vorfälle bestätigen damit auch den Inhalt des Artikels, den ich im Mai dieses Jahres über den Zustand der britischen Marine übersetzt habe.

Vergewaltigungen auf Atom-U-Booten

Wenn Material und Infrastruktur von Streitkräften marode sind, wirkt sich das natürlich negativ auf Moral und Motivation der Soldaten aus. Sogar bei den Besatzungen der britischen Atom-U-Bootflotte, eigentlich die Elite der britischen Marine, gibt es damit Probleme, wie bekannt gewordene Skandale zeigen, die aber wohl nur die Spitze des Eisbergs sind, denn auch diese Skandale sollten vertuscht werden.

2018 wurde beispielsweise ein Soldat, der auf der Basis Clyde als U-Boot-Besatzung diente, zu 34 Wochen Haft verurteilt, weil er eine Soldatin sexuell belästigt hatte. (Anm. Dikigoros: "Belästigt?" Hatte er ihr etwa ein Kompliment gemacht?!?) Dass der Vorfall vor Gericht landete, dürfte nur daran gelegen haben, dass er sich bei einem Landurlaub in Island in einer Bar abgespielt hat und von Überwachungskameras gefilmt wurde, weshalb sich der Täter nicht herausreden konnte.

Die Navy versuchte immer wieder, in Clyde oder auf See vergewaltigten Soldatinnen auszureden, die Fälle anzuzeigen und redete ihnen ein, dass sie das in den Augen der Kameraden zu einer Unruhestifterin abstempeln und ihren Dienst nur erschweren würde. Trotzdem wurden Fälle bekannt, bei denen Soldatinnen nach Vergewaltigungen in Atom-U-Booten auf See schwanger wurden, was das Vertuschen erheblich erschwert hat. (Anm.: Dikigoros könnte ja jetzt schreiben, daß Frauen, die so dämlich sind, zum Militär zu melden, auch zu dämlich sind, um die Pille zu nehmen; aber das wäre kaum glaubhaft. Wahrscheinlicher ist, daß die absichtlich schwanger wurden, um gut bezahlten Baby-Urlaub von ihrem Gammeldienst zu bekommen, und zwecks Vertuschung einfach behaupteten, "vergewaltigt" worden zu sein :-)

Die Zustände in der Basis Clyde waren so unhaltbar, dass Ende 2022 mit Commodore Sharon Malkin eine Frau zur Befehlshaberin der Basis ernannt wurde, was ganz offiziell mit "Vorwürfen der Frauenfeindlichkeit und des Mobbings" von Soldatinnen begründet wurde. (Dikigoros verkneift sich eine passende Anmerkung - da kommt wohl jeder Leser selber drauf :-)

Kokain und Atomwaffen

2017 wurde ein anderer Sex- und Drogenskandal auf britischen Atom-U-Booten bekannt. Die Daily Mail schrieb damals:

"Neun britische Soldaten wurden im Zuge einer Untersuchung wegen sexueller Übergriffe von einem Atom-U-Boot geworfen, nachdem sie im Dienst positiv auf Kokain getestet worden waren. In einem der schlimmsten Skandale der Marine wurde die Besatzung der HMS Vigilant, die mit der nuklearen Abschreckungsrakete Trident bestückt ist, nach Hause geschickt und aus dem Dienst entlassen, nachdem eine Droge der Klasse A in ihrem Blut nachgewiesen worden war. Sie sollen Drogenpartys gefeiert haben, während das U-Boot in den USA lag, um Atomsprengköpfe abzuholen. Ein Mann soll in einem Swimmingpool Sex mit einer Prostituierten gehabt haben. (Anm. Dikigoros: Das soll ein "sexueller Übergriff" sein? Etwa wegen des Swimming-pools?) Es wurde außerdem bekannt gegeben, dass der stellvertretende Kommandant des U-Boots, Lieutenant Commander Michael Seal (36), aufgrund von Vorwürfen einer außerehelichen Affäre mit einer technischen Offizierin entlassen wurde. (Anm. Dikigoros: Das soll ein Entlassungsgrund sein? Vermutlich eine Falschübersetzung; statt "entlassen" müßte es wohl "abgelöst" heißen, d.h. er wurde seines Kommandos enthoben und irgendwohin strafversetzt.) [...] Das U-Boot war bereits in Kontroversen über eine angebliche Affäre zwischen seinem Kapitän, Commander Stuart Armstrong (41), und Sub-Lieutenant Rebecca Edwards (25) verwickelt." (Anm. Dikigoros: "In Kontroversen verwickelt" wegen einer angeblichen "Affäre" - dünner geht's wohl nicht!)

In den Skandal von 2017 waren damit fast 10% der 168 Mann starken Besatzung der HMS Vigilant verwickelt.

Man mag nun einwenden, dass 2017 lange her ist und dass der Vorfall keine Rückschlüsse auf die heutigen Zustände in der britischen Atom-U-Bootflotte zulässt. Aber die systematischen Vertuschungen, die es auf der Basis Clyde gibt und die bei den Vorfällen mit Radioaktivität und Vergewaltigungen von Soldatinnen dokumentiert sind, lassen die Vermutung zu, dass auch Drogendelikte vertuscht werden.

Immerhin dürfte der Drogenkonsum auf den Atom-U-Boot Vigilant in der Besatzung ein sehr offenes Geheimnis gewesen sein, wenn in den USA gleich neun von 168 Besatzungsmitgliedern positiv getestet worden sind. Der Skandal wurde ja nicht bekannt, weil Besatzungsmitglieder das gemeldet oder weil die Offiziere eingegriffen hatten, sondern wegen Drogentests. Wären die nicht erfolgt, hätte niemand erfahren, dass Soldaten der britischen Nuklearstreitkräfte auf Kokain sind. (Anm. Dikigoros: Da sieht man mal, wie gut die bezahlt sein müssen - Kokain ist ja nicht gerade die billigste Droge. Kein Wunder, wenn der Kommandant eines solchen Potts Fregattenkapitän und sein Stellvertreter immerhin Korvettenkapitän ist. Früher waren U-Boot Kommandanten in der Regel [Ober-]Leutnants z.S. oder bestenfalls KaLeus!)

Die Schotten wollen Clyde schließen

Laut Umfragen befürworten über 80% der Schotten ein Verbot von Atomwaffen und deren Entfernung von schottischem Boden. Die Scottish National Party, die die Unabhängigkeit Schottlands von Großbritannien fordert, erklärt, dass im Falle der Unabhängigkeit Schottlands der Stützpunkt Clyde geschlossen und der neue Staat zu einer atomwaffenfreien Zone erklärt wird.

Das ist verständlich, wenn man den leichtfertigen Umgang mit Atommüll und radioaktiven Stoffen betrachtet, durch den sich Clyde auszeichnet. Dass die britische Regierung offensichtlich nichts tut, um an den Zuständen in Clyde etwas zu ändern, dürfte diese Stimmungen weiter anheizen.

Interessant ist, dass ich auf Deutsch zu all dem keine Meldungen gefunden habe. Aber vielleicht haben einige deutsche Medien darüber im Kleingedruckten berichtet, und ich habe es übersehen. Fakt ist aber, dass die Deutschen von den skandalösen Zuständen in den britischen Streitkräften generell und bei den britischen Atomstreitkräften im Besonderen nichts erfahren sollen.

Das gilt auch für das deutsche Wikipedia, wo es im Artikel über die Basis Clyde keinerlei Informationen über all die Skandale gibt, während sie in der englischen Version des Artikels zumindest erwähnt werden.

Das zeigt wieder einmal: Die Deutschen brauchen ja nicht alles zu wissen.