Robert KOLDEWEY

(10.09.1855 - 04.02.1925)

[Robert Koldewey]
[Unterschrift]

Tabellarischer Lebenslauf
zusammengestellt von
Nikolas Dikigoros

1855
10. September: Johannes Robert Koldewey wird als Sohn des Zollofficials Hermann Koldewey und seiner Ehefrau Doris, geb. Kupfer, in Blankenburg am Harz geboren, wo er aufwächst und die Volksschule besucht.

1865-69
Robert besucht das Martino-Katharineum (ein humanistisches Gymnasium) in Braunschweig.

1869
Familie Koldewey zieht nach Altona, wo Robert das Christianeum besucht.

1875-77
Nach dem Abitur absolviert Koldewey eine Lehre als Bau-Élève.

1877-81
Koldewey studiert Architektur in Berlin, Wien und München.
Nebenbei belegt er Vorlesungen in Archäologie und Kunstgeschichte.

ab 1881
Koldewey arbeitet im Bauamt der Stadt Hamburg.

1882/83
Koldewey läßt sich beurlauben, um an Ausgrabungen US-amerikanischer Archäologenteams an der kleinasiatischen Westküste teilzunehmen.
Das Osmanische Reich - seit dem "Krimkrieg" ein Vierteljahrhundert zuvor nur noch spöttisch als "kranker Mann am Bosporus" bezeichnet und ständig am Rande des Staatsbankrotts krebsend - ist froh über jeden Ausländer, der nicht als feindlicher Krieger, sondern als harmloser Archäologe ins Land kommt und gegen hartes Geld Grabungslizenzen erwirbt, um irendwelches alte Zeug auszubuddeln, für das die Hohe Pforte keine Verwendung und kein Interesse hat.

1885
Koldewey nimmt im Auftrag des Kaiserlich Deutschen Archäologischen Instituts - einer 1871 aus einem 1829 in Rom gegründeten Verein hervorgegangenen [preußischen] Anstalt des öffentlichen Rechts - an Ausgrabungen auf der Insel Lesbos teil.

1887
Koldewey bereist erstmals Mesopotamien - auf der Suche nach geeigneten Ausgrabungsstätten des Sumererreichs.

1889
Koldewey nimmt an Ausgrabungen in Neandria teil.

1890/91
Koldewey nimmt an Ausgrabungen in Sam'al (heute Zincirli) teil.

1892-94
Koldewey nimmt an Ausgrabungen in Süditalien und Sizilien teil.

(Warum Dikigoros all diese Aktivitäten Koldeweys in untergeordneter Stellung eigens erwähnt, obwohl sie weitgehend unspektakulär bis ergebnislos verliefen? Weil sie wichtig für ihn waren, denn er lernte dabei vor allem eines: wie man es nicht machen sollte! Für seine Zeichnungen altrömischer Tempel in Süditalien - die nicht erst ausgebuddelt werden mußten, da ihre Ruinen noch standen - promovierte ihn die Universität Freiburg übrigens zum Dr.h.c.; seine Tätigkeit dort war also nicht ganz ergebnislos :-)

1895
Koldewey wird Lehrer an der Baugewerbeschule in Görlitz. Seine archäologische Karriere scheint mit 40 Jahren beendet.

1897/98
Koldewey reist erneut nach Mesopotamien - wieder auf der Suche nach geeigneten Ausgrabungsstätten. Aus Kas'r bringt er farbige Glasurziegel und Reliefstücke des alten Babylon mit.


Angesichts dieser spektakulären Funde (bisher war man davon ausgegangen, daß antike Bauwerke farb- und freudlos gewesen sein müssen - Dikigoros schreibt darüber an anderer Stelle mehr) beschließen die gerade gegründete Deutsche Orientgesellschaft und Kaiser Wilhelm II - der sich als großer Fan der Archäologie entpuppt und Koldewey eine persönliche Audienz gewährt - eine mehrjährige Expedition nach Babylon (statt, wie ursprünglich geplant, nach Assur) auszurüsten und Koldewey als Grabungsleiter zu engagieren - mit einem fürstlichen Monatsgehalt von 600.- Goldmark [ca. 60.000.- DM bei deren Abschaffung anno 2002]. (Der Kaiser steuert 20.000.- Goldmark aus seiner Privatschatulle bei.)
In einer Zeit, da anständige Christenmenschen noch gläubig und bibelfest sind, gibt es ohnehin kein faszinierenderes antikes Thema als die Geschichte von der "babylonische Gefangenschaft" der Israeliten und vom "Turmbau zu Babel", über deren Wahrheitsgehalt man nun endlich Aufschluß zu erhalten hofft.

[Der Turm von Babel - Gemälde von Bruegel 1563]

ab 1899
[...]


1903
Angesichts des großen Erfolgs beauftragt man Koldewey "nebenbei" auch mit Ausgrabungen in Assur, Schuruppak und Uruk.

1914
Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Das Osmanische Reich steht auf Seiten der Mittelmächte, so daß die Ausgrabungen vorerst weiter geführt werden können.

1917
Der Einmarsch britischer Truppen in Mesopotamien setzt den Arbeiten der deutschen Archäologen ein Ende. Koldewey kehrt heim ins Reich und wird Museums-Kustos in Berlin.

1925
04. Februar: Robert Koldewey stirbt in Berlin. Entgegen seinem letzten Willen wird er nicht in einer Replica des Ischtar-Tores beerdigt, sondern auf dem Parkfriedhof Lichterfelde unter einem Grabstein, in dem man nur mit allergrößter Fantasie die Replica einer babylonischen Zikkurat zu erkennen vermag.


1926/27
Nach langwierigen Verhandlungen mit dem neuen "König" von Irak kommt ein Teil der von Koldewey ausgegrabenen Fundstücke nach Berlin.****

1930
Rekonstruktionen wesentlicher von Koldewey ausgegrabenen Bauwerke - vor allem das Ischtar-Tor - werden im Berliner Pergamon-Museum ausgestellt.*****


ab 1945
gibt es in Deutschland erstmal genügend eigene Ruinen auszugraben und zu rekonstruieren, bevor man wieder daran denken kann, Geld für Buddeleien im Orient auszugeben.

1955
An seinem 100. Geburtstag ist Koldewey in Deutschland - Ost und West - so gut wie vergessen.

1967
Die "DDR" gedenkt des Pergamon-Museums - ohne Koldewey auch nur zu erwähnen.

[Medaille 1967]

1979
Die BRD gedenkt des Deutschen Archäologischen Instituts - dto.

[Gedenkmünze zu 5 DM 1979]

2025
An Koldeweys 100. Todestag erinnert man sich seiner nur noch in Spanien (!)******, und es gibt aktuellere Überlegungen zum "Turmbau von Babel" als die einst von Koldewey angestellten.

[Der neue Turm von Babel steht jetzt in Brüssel]


*

**Dikigoros meint das durchaus nicht cynisch. Viele Überreste, die aus der "Dritten Welt" nach Europa gebracht wurden, sind dadurch vor der Vernichtung bewahrt worden. Das gilt insbesondere für Länder, die in die Hände der Muslime gefallen sind, die zu jenen Überresten keine eigene historische Beziehung hatten/haben und auch kein anderes als finanzielles Interesse - außer ggf. dem, sie als Werke der "Ungläubigen" zu zerstören (Afģānistān, Ägypten, Irak, Iran, Pākistān, Syrien, Türkei).

***Als wichtigster Fund galt nach Entzifferung der Tontafeln das so genannte "Gilgamesch-Epos". In kirchlichen Kreisen wurde es als Beweis für die Richtigkeit der biblischen Überlieferung von der "Sintflut" Noahs angesehen. Andere Kreise fühlten sich in ihrer Annahme bestätigt, daß die Juden große Teile des "Alten Testaments" bei den Babyloniern abgeschrieben hatten. Bei näherem Hinsehen hält sich die Ähnlichkeit der beiden Texte allerdings in Grenzen. Inzwischen hat sich die Auffassung durchgesetzt, daß es Flutkatastrofen an mehreren Orten und zu mehreren Zeiten gab, so daß es eine müßige Frage ist, ob sich die beiden Überlieferungen auf ein- und dieselbe beziehen oder nicht oder doch.

****Sie überstehen dort wie durch ein Wunder die angelsächsischen Terror-Bombardements des Zweiten Weltkriegs auf zivile Ziele in West-, Mittel- und Südeuropa. Dagegen gehen die im Irak verbliebenen Originale in den folgenden Kriegen unwiederbringlich verloren - wobei unklar bleibt, ob dies bereits im iranisch-irakischen Krieg der 1980er Jahre geschah oder erst in einem der Angriffskriege Befreiungskriege Befriedungsaktionen der Angelsachsen in den 1990er Jahren oder 2003.

*****So einfallslos preußisch-korrekt, wie es dort hingeklotzt steht, wirkt es garnicht richtig - jedenfalls nicht annähernd so gut wie in der Fantasie des (spanischen) Malers:

Versteht Dikigoros bitte nicht falsch. Fantasie ist schön und gut, wenn sie - wie im vorstehenden Bild - auf realen Grundlagen fußt und diese glaubhaft-nachvollziehbar ergänzt. Was dagegen gewisse "Künstler" unter den Archäologen der 1980er und 1990er Jahre an "Modellen" der Stadt Babylon rekonstruiert haben, überzeugt ihn wenig bis gar nicht:

[Rekonstruktion Babylons 1980] [Rekonstruktion Babylons 1991]

******Es gibt zwar in Stuttgart - immer noch oder wieder - einen obskuren Verein, der sich "Koldewey-Gesellschaft" nennt, alle paar Jahre gemeinsame Saufabende Kaffeekränzchen Treffen veranstaltet und Broschüren über die dort gehaltenen Vorträge veröffentlicht; aber im Titel der letzteren ("Bericht über die Tagung für Ausgrabungswissenschaft und Bauforschung") wird Koldewey nicht mehr genannt. Überdies werden diese nur in "geraden" Jahren abgehalten; und der auf ein "krummes" Jahr fallende 100. Todestag Koldeweys ist niemandem eine Sondertagung wert.


weiter zu Howard Carter

zurück zu Archäologen und Überrestesucher

heim zu Von der Wiege bis zur Bahre