Tuberkulose ist Nordkoreas Staatsfeind Nummer eins

von Lydia Klöckner (ZEIT Online, 26. April 2013)

Anmerkungen und Links: Nikolas Dikigoros

Der Reporter Richard Stone hat in Nordkorea Tuberkulose-Krankenhäuser besucht. Im Interview berichtet er über die katastrophale Gesundheitsversorgung des Landes.

ZEIT: Herr Stone, Sie sind nach Nordkorea gereist und haben Tuberkulose-Kliniken besucht. Im Fachmagazin Science berichten Sie, diese Krankheit sei dort "Public Enemy Number One". Was meinen Sie damit?

Richard Stone: Nordkorea ist derzeit ständig in den Medien – aber immer nur wegen seiner politischen Situation. Doch das Land hat auch noch ein ganz anderes Problem: Tuberkulose. Sie ist Nordkoreas Staatsfeind Nummer eins. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind aktuell etwa 91.200 der 24 Millionen Einwohner an Tuberkulose erkrankt. Das ist ungewöhnlich. Diese Krankheit tritt normalerweise in Ländern auf, in denen auch der Aids-Erreger HIV weit verbreitet ist – Afrika zum Beispiel. HIV unterdrückt das Abwehrsystem des Körpers, sodass Tuberkulose und andere Krankheitserreger leichtes Spiel haben. Doch in Nordkorea gibt es keine HIV-Infizierten.

ZEIT: Wieso leiden trotzdem so viele Nordkoreaner an Tuberkulose?

Stone: Auslöser der Krankheitswelle waren die Hungersnöte in den frühen 1990er Jahren. Zuvor hatte Nordkorea Dünger und Nahrungsmittel von der Sowjetunion importiert, doch nach dem Zusammenbruch des Ostblocks war damit Schluss. Nordkorea musste sich selbst versorgen, und da sich die Landwirtschaft bis heute fast komplett auf Reis, Mais und Getreide beschränkt, verhungerten binnen weniger Jahre Hunderttausende Menschen. Die Überlebenden waren zu geschwächt, um die Erreger abzuwehren. Die Krankheit konnte sich leicht verbreiten. Bis heute hat sich die Lage nicht stabilisiert.

ZEIT: Aus Nordkorea dringen normalerweise kaum Informationen nach außen. Wie frei waren Sie bei der Recherche?

Stone: Gegenüber ausländischen Medien ist die Regierung – jedenfalls im Hinblick auf die gesundheitliche Lage – recht offen. Sie hat verstanden, dass Tuberkulose ein ernstes Problem ist, das sie ohne ausländische Hilfe nicht lösen können. Ich hatte nicht das Gefühl, dass sie mich fernhalten wollten. Ein Visum zu bekommen, war kein Problem.

ZEIT: Sie haben Tuberkulose-Heime besucht, die die Hilfsorganisation Christian Friends of Korea (CFK) dort errichtet hat. Wie haben die Menschen auf Sie reagiert?

Stone: Sie haben sich gefreut, mich zu sehen. Ich war überrascht, denn ich hatte mich auf Feindseligkeit eingestellt. Immerhin bin ich Amerikaner und kam zu einem Zeitpunkt, als der Konflikt zwischen USA und Nordkorea drohte, in einen Krieg auszuarten. Doch die Menschen waren freundlich zu mir. Man setzt Nordkorea meist mit dem grauenvollen Kim-Clan gleich und vergisst dabei, dass dort auch warmherzige Menschen leben. Besonders bewusst wurde mir das auf der Kinderstation eines Tuberkulose-Heims. Ich dachte mir: Diese Kinder rennen keinen Ideologien nach und gieren auch nicht nach Macht. Sie wollen nur gesund werden.

ZEIT: Wie steht es um diejenigen, die nicht in Heimen versorgt werden?

Stone: Stellenweise miserabel. Die meisten der Heime liegen im Südwesten, deshalb bessert sich die Lage dort allmählich. Doch in den abgeschiedenen nordöstlichen Gebieten ist das Elend immer noch groß. Es mangelt nicht nur an Nahrung, Wasser und Strom, sondern auch an Krankenhäusern und Arzneimitteln. Und selbst wenn die Betroffenen Medikamente bekommen, sind es meist die falschen. Die gängigen Mittel können gegen multiresistente Tuberkulose-Erreger nichts ausrichten, da hilft nur eine spezielle, sehr aufwändige Therapie. Doch um solche Bakterien zu erkennen, braucht man moderne medizinische Geräte, die die Ärzte dort nicht haben.

ZEIT: In Ihrem Science-Artikel erwähnen Sie ein neues Labor im Tuberkulose-Krankenhaus in Pjöngjang, in dem es solche Geräte gibt. Wie ist das Labor entstanden?

Stone: Die Initiative kam von der US-Universität Stanford und den Christian Friends of Korea. Ich habe schon 2010 in Science über die Eröffnung berichtet und wollte unbedingt mit eigenen Augen sehen, wie es sich seitdem entwickelt hat. Nach meinem Besuch war ich beeindruckt. Die Ausstattung ist hochmodern. Ich hätte nicht gedacht, dass es den nordkoreanischen und amerikanischen Arbeitsgruppen gelingt, das Labor trotz der heiklen politischen Situation weiterzuführen und auch noch technisch voranzubringen. Vor Kurzem haben sie sogar einen GeneXpert bekommen. Das ist ein Gerät, das multiresistente Erreger in Speichelproben binnen anderthalb Stunden erkennt.

ZEIT: Gibt es noch weitere Labore dieser Art in Nordkorea?

Stone: Nein, es kann also nur einem Bruchteil der Betroffenen geholfen werden. Doch es ist ein Anfang. Bevor die Arbeitsgruppe aus Stanford kam, hatten  nordkoreanische Ärzte keine Ahnung von westlichen Forschungs- und Heilmethoden. In dem Labor lernen sie, Tuberkulose richtig zu diagnostizieren und nach den neuesten Erkenntnissen zu therapieren. Allein das ist ein riesiger Fortschritt.


Leser-Kommentare
(ausgewählt und z.T. leicht gekürzt von Dikigoros)

JohnDoe0-0 (26.04.2013)
[...] Bin ich der einzige, der es für fragwürdig hält, einer wahnsinnigen Diktatur auch noch ein hochmodernes Labor hinzustellen? (Anm. Dikigoros: Nein, bestimmt nicht - aber die haben alle Angst, gesperrt zu werden. Die ZEIT-Redaktion hat diesen Kommentar bereits zensiert und erheblich gekürzt mit dem Hinweis: "Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke. Die Redaktion." Vermutlich hat sie auch deshalb nur feindliche Kommentare zu diesem Kommentar stehen lassen - Dikigoros greift im folgenden nur einen einzigen heraus.)

Capricia (26.04.2013)
Ich empfinde Ihren Kommentar als eiskalt. Da halte ich es doch lieber mit den Grundsätzen der von mir sehr geschätzten Ärzte ohne Grenzen/Médecins sans Frontières, die sagen, es gebe für sie keine Einteilung in Freund und Feind, sondern nur Menschen, die ärztliche Hilfe und Versorgung benötigen. (Anm.: Dikigoros schätzt "ÄoG/MsF" ebenfalls - nämlich als die übelste, krimenellste "NGO" des 21. Jahrhunderts - ein!)

JohnDoe0-0 (26.04.2013)
Die Frage ist nur, ob es taktisch und strategisch klug ist, einem Land, dessen militärische und nukleare Aufrüstung nur durch den eingeschränkten Ressourcenpool beschränkt wird, Ressourcen freizumachen, damit dieses noch mehr in die Rüstung investieren kann. Das ist wie der Bau von Infrastruktur in Afrika, wobei die örtlichen Herrscher dann beschlossen, das freigewordene Geld in AK-47 umzusetzen. (Anm. Dikigoros: Folgen mehrere Haßkommentare gegen J.D. - welche die ZEIT nicht zensiert hat. Aber nur 10 Jahre später, als Nordkorea die russische Militäraktion zur Befreiung der Ukraïne vom Verbrecherregime in Kijiw, das sich ein Jahr nach Erscheinen dieses Artikels mit US-Unterstützung an die Macht geputscht hatte, zu unterstützen wagte, schrie[b]en die ZEIT u.a. gleichgeschaltete "Qualitätsmedien" des Westens unisono Zeter und Mordio und wünschten nichts sehnlicher, als daß alle Nordkoreaner von Tbc oder sonstwas dahingerafft würden!)


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