Kränze niederlegen, Marschmusik hören, falsche Bauern besuchen und in der U-Bahn die Wiedervereinigung besichtigen – eine Reise nach NordkoreaEs ist der vierte Reisetag, auf dem Programm steht die Begegnung mit dem Volk. Eine Familie in einem Dorf außerhalb von Pjöngjang erwartet uns. Eine Kooperative von zweitausend Bauern soll hier leben und angeblich die ganze Region versorgen. Wir besuchen zunächst nur eine große Statue von Kim Jong Il und Kim Il Sung, dem Vater und dem Großvater des gegenwärtigen Diktators. Dann heißt es vor einem Reihenhaus: "Bitte Schuhe ausziehen." Drinnen empfangen uns Großmutter, Vater und und Zwillingskinder, um uns das gute Leben der Arbeiter und Bauern vorzuführen. Es ist Ende Februar, das ganze Land friert, selbst Restaurants, Touristengeschäfte, Museen und die großen Hotels sind ausgekühlt. Nur hier in diesen drei blitzblanken Räumen scheint eine Fußbodenheizung zu funktionieren. Auch die Sitzecke ist kuschelig warm. In der Küche stapeln sich bunte Plastikschüsseln, im Farbfernseher läuft der Propagandafilm Das Blumenmädchen. "Wir sind zwar arm, aber keine Bettler" heißt es da an einer Stelle. Die etwa einjährigen Kinder in leuchtenden Strampelanzügen wirken lethargisch, Vater und Großmutter strahlen routiniert vor einem Dutzend Urkunden und Abbildern der Kim-Dynastie, aber sie sind hager und extrem klein gewachsen. Man denkt sofort an die grassierende Mangelernährung im Land, an horrende Hungerstatistiken des Welternährungsprogramms der UN. Nichts davon soll oder darf bei diesem nordkoreanischen Schauspiel zur Sprache kommen. Man würde sonst viele in Verlegenheit bringen: Dolmetscher, Fahrer und die vielen Aufpasser, die uns seit der Ankunft in Nordkorea nicht aus den Augen lassen. Zwei, so heißt es, seien für die Amerikaner in unserer Reisegruppe abgestellt. Seit Kriegsdrohungen gegen die USA wieder die politische Agenda bestimmen, befürchtet man Spione. Und die Aufpasser kontrollieren nicht nur uns, sie kontrollieren sich auch gegenseitig. Theoretisch können wir der Bauernfamilie im Potemkinschen Wohnhaus jetzt Fragen stellen. Doch wie immer, wenn wir an konkreten Alltagsverhältnissen interessiert sind, geht unsere Frage nach Anbauflächen und Gerätschaften im Dolmetschdurcheinander unter: "Sie freuen sich, dass der gütige Staat 2013 Wirtschaftsreformen vorhat, dank Kim Jong Un, dem neuen Führer, den sie sehr lieben!" Das soll unsere Vorzeigefamilie gesagt haben. Dann drängen unsere Aufpasser zum Aufbruch: Die Kinder sind müde, die Zeit ist vorbei. Der Bauernbesuch ohne jeden Beleg für Landwirtschaft ist beendet. Es gibt sie, Reisen nach Nordkorea. Das verarmte Land braucht die Devisen mehr denn je. Wir sind eine internationale Gruppe von zwölf Besuchern. Anders als früher mussten wir nicht mehr unsere Smartphones bei der Einreise abgeben. Aber man hat uns genau erklärt, was wir nicht dürfen: vor allem keine Fotos machen von Soldaten, Polizisten, Zügen, armen Leuten, kaputten Häusern, Ochsenkarren, Menschenschlangen und so weiter. Also eigentlich von fast gar nichts, denn genau diese Szenen und Menschen sind überall im Stadtbild zu sehen. Es ist eine Reise auf Grundlage eines beidseitigen Missverständnisses. Die Besucher kommen, weil sie die bizarre Fremdheit der letzten kommunistischen Bastion für erlebenswert halten. Die Nordkoreaner wiederum glauben, oder geben es wenigstens vor, die Gäste seien an der "charismatischen geliebten Führung" und dem "Fortschritt des Landes" interessiert. Was ist echt empfunden, was nur gespielt in diesem Land? Was ist Loyalität zum System, was opportunistische Überlebensstrategie? Es ist kaum zu erfahren in diesen acht Tagen der Reise. Nordkorea ist hochgerüstet, hat die viertgrößte Armee der Welt und liegt wirtschaftlich am Boden. Bei jeder Busfahrt erleben wir ein einzigartig gedrilltes und weggeschlossenes Land, wie hinter Milchglas gleitet man aneinander vorbei. Wir sehen eine Bevölkerung, die in großen Gruppen Straßen auf- und abmarschiert, in ständiger Alarmbereitschaft lebt und vor allem mit der Huldigung seiner Führer befasst ist. Für den Gast heißt die Devise: Keine Fragen stellen. Um die Einheimischen nicht zu gefährden. Das ist eine unverhohlene Drohung. Was passieren könne? Da fängt das falsche Fragen schon an. Hunderttausende, so schätzt die US-Organisation Committee for Human Rights in North Korea, vegetierten in Umerziehungslagern bei Maisrationen und Kohlsuppe dahin, Hunderttausende seien in Haft gestorben. Ein Volk in Angst bewacht sich selbst – und kennt es seit Jahrzehnten nicht anders. Selbst aus China dringen kaum Informationen ins Land. Gleichzeitig soll der Gast Teil der Propaganda werden. Fotografieren ist erwünscht, ja fast Pflicht, wenn riesige Wandbilder oder Statuen der Kims auftauchen. Auch hier gelten klare Regeln: Vor den Monumenten nie mit den Händen in den Hosentaschen stehen. Vater und Großvater Kim immer nur ganz ablichten, keine Anschnitte, es gehe hier um das nationale Ansehen. Auch von uns hängen Fotos aus – allerdings nur im Bus mit Namen und Staatsangehörigkeit wie auf einem Fahndungsplakat. Wieder ein Ausflug, dieses Mal zu Arbeitern. Wir biegen von der meist leeren, achtspurigen Autobahn zu einer Fabrik für Mineralwasser ab. Einführung in die Wirtschaft des Landes: Die vom Staatsgründer Kim Il Sung erfundene Juche-Ideologie heißt frei übersetzt "selbst bestimmen", nur auf sich selbst bauen. Zehntausend Flaschen laufen hier pro Stunde vom Band, um überall den Durst der Werktätigen zu löschen, sprudelt es voll Stolz aus dem Chef heraus. Wir kosten vom Kangsu-Yaksu-Mineralwasser. Die Quelle, so sagt man uns, befinde sich gleich neben der Fabrik. In der Abfüllhalle rattern Flaschen über ein altertümliches Band. Kippt eine um, was oft vorkommt, muss ein Arbeiter schnell das Band anhalten. Sieben Arbeiterinnen blicken gelangweilt den Flaschen hinterher. Weitere Mitarbeiter, Lastwagen oder Packstationen sind nicht zu sehen. Dafür zeigt eine digitale Anzeige, wie oft die geliebten Führer der Kim-Dynastie diese Fabrik bisher besucht haben: 342-mal. Zurück in der Zwei-Millionen-Hauptstadt Pjöngjang. Abends herrscht Dunkelheit in den Hochhausschluchten. Nur Monumente der Kims, Standbilder oder Revolutionstafeln sind beleuchtet. Die Leute sparen Strom, sagt voller Ernst einer unserer Aufpasser. Am Busfenster fliegt ein Heer grauer Menschen vorbei: Einige sammeln Brennholz, andere schleppen Kohlköpfe, andere schultern riesige Säcke, um sie zu Ochsenkarren zu schleppen, die an den gefrorenen Feldern warten. Manche sind mit Taschenlampen ausgerüstet. Lebensmittelgeschäfte sieht man keine. Vor kleinen Suppenbuden stehen die Leute Schlange. Das Hotel Yanggakdo, wo man fast jeden Ausländer unterbringt, liegt auf einer Insel im Taedong-Fluss und ist somit gut zu kontrollieren. 47 Stockwerke, 1000 Zimmer, ein paar triste Bars mit Billard, Bier und Karaoke. Selbst hier, in der Ausländerenklave, gibt es Stromausfälle. Nur wenn offizielles Programm ansteht, kommt man hier raus. Immer im Bus. Nur mit der ganzen Gruppe. Spaziergänge allein sind nicht möglich. Aus den Gästezimmern dringt abends der Propagandasingsang des staatlichen Fernsehens. Nordkoreanische Ansager berichten in sonderbar dröhnender Feierstimme, warum das Land zwar stark, aber von fremden Mächten bedroht ist. Dazu Jubelbilder über den gelungenen dritten Atomtest vom Februar und Bilder einer nordkoreanischen Trägerrakete auf dem Weg ins All. Motto an das darbende Volk: Sollte ein Krieg unvermeidlich sein, wir sind bereit, wir haben zu den anderen Ländern aufgeschlossen. Durch notdürftig abgeklebte Fenster pfeift kalter Wind. Man verschwindet hoch über Pjöngjang unter drei Decken. Morgens muss man von innen Eis von den Scheiben kratzen. Wie geht es da erst der Bevölkerung? Möchten Sie für den geliebten Führer Blumen niederlegen? Diese Frage wird bei jedem Besuch eines Denkmals der Kim-Familie gestellt. Auch Touristen müssen sich vor den Statuen zumindest verneigen. Ganze Kunstausstellungen sind einzig gefüllt mit Hunderten gemalter Huldigungen: ein Kim allein vor der Sonne. Großvater Kim mit Sohn auf dem Arm. Umjubelt inmitten der Armee. Hoch zu Pferd. Stehend oder sitzend. Oder bei einer der berühmten Belehrungen von Bauern, Ingenieuren und Ärzten. Alles und jedes kann der Herrscher persönlich besser als jeder Fachmann, so die Botschaft. Wirtschaftspolitisch wie psychologisch eine Katastrophe. Denn niemand wagt zu widersprechen. Tagtäglich marschieren Gruppen von Nordkoreanern vor diesen Denkmälern auf, legen Kränze und Blumen ab, stellen sich in Formation auf und verneigen sich. Wir bekommen noch einmal die Gelegenheit zur Tuchfühlung mit der Bevölkerung: in der U-Bahn. Sie ist Pjöngjangs ganzer Stolz. Zwei Linien, siebzig Stationen. Einige unterirdische Tunnel sollen so groß sein, dass im Kriegsfalle bis zu 10.000 Soldaten darin Platz finden. Hundert Meter geht es auf einer endlosen Rolltreppe im Halbdunkel unter die Erde, begleitet von kämpferischer Marschmusik, dem Grundrauschen des Landes. Niemand lächelt, die Leute bleiben auf Distanz, meiden sogar den Blickkontakt. Und wir sprechen niemanden an. Um niemanden zu gefährden. Wahrscheinlich könnte sich ohnehin keiner auf Englisch verständigen. Was weiß man hier überhaupt über die Welt der anderen? Was weiß man in einem Land, in dem es kein Internet gibt, in dem man mit Handys nur innerhalb der eigenen Grenzen telefonieren kann? Ein Land, in dem importierten Mercedes schon mal ein roter Stern aufgepflanzt und behauptet wird, sie kämen aus einheimischer Sonderproduktion? Die U-Bahn-Stationen, die wir besuchen dürfen, heißen Triumph, Ruhm, Erneuerung und Wiedervereinigung. Wiedervereinigung – ein surreales Wort. Weit von Pjöngjang entfernt, am berühmten 38. Breitengrad, stehen sich seit Jahrzehnten die hochgerüsteten Armeen Nord- und Südkoreas gegenüber. Die alte Stadt Kaesong liegt nicht weit entfernt auf nördlicher Seite. Hier ist die Armut sichtbar dramatischer als in der Hauptstadt, hier suchen Menschen auf Feldern nach Essbarem. Hinter den Hügeln befindet sich die "Industriezone Kaesong", der von Norden und Süden gemeinsam betriebene Industriepark mit über 100 Firmen und mehreren Zehntausend Arbeitern aus dem Norden und einigen Hundert Betriebsleitern aus dem Süden. Das war die vorsichtige Vision der Annäherung. Die Grenze waren etwas durchlässiger geworden. Jetzt ist sie wieder dicht, Pjöngjang hat als Teil seiner Eskalationsstrategie das gemeinsame Projekt fürs Erste gestoppt. Bei der Ausreise werden auch wir noch einmal gestoppt. Grenzbeamte kontrollieren unsere Kameras. Sie löschen, was nicht in ihr Bild vom ewig siegreichen Staat mit seinem geliebten Führer passt. Kein falscher Blick soll nach draußen gelangen. weiter zu Tuberkulose ist Nordkoreas Staatsfeind Nr. 1 zurück zu Luise Rinsers Nordkorea-Reisetagebuch |