DIE BRETTER, DIE DIE WELT [BE]DEUTEN
(und wie man sie dem Publikum am besten vor den Kopf nagelt)
"Theater, Theater, der Vorhang geht auf, dann wird die Bühne zur Welt
Theater, Theater, das ist wie ein Rausch, und nur der Augenblick zählt
Theater, Theater, gehaßt und geliebt, Himmel und Hölle zugleich
Theater, Theater, ist Leben und Traum, Anfang und Ende zugleich!"
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EIN KAPITEL AUS DIKIGOROS' WEBSEITE
REISEN DURCH DIE VERGANGENHEIT
GESCHICHTEN AUS DER GESCHICHTE
"All the world's a stage,
And all the men and women merely players:
They have their exits and their entrances;
And one man in his time plays many parts..."
(William Shakespeare, As You Like It, II, 7)
* * * * *
"Il y a deux manières de passionner la foule au théâtre:
par le grand et par le vrai" (Victor Hugo)
* * * * *
"( . . . ) daß es mich immer betrübt und bekümmert,
wenn ich junge Männer von Geist und Talent sehe,
die auf ein Theater warten, das da kommen soll . . .
Vor jedem Brettergerüst möchte ich dem wahrhaft
theatralischen Genie sagen: hic Rhodus, hic salta!
Auf jedem Jahrmarkt getraue ich mir,
auf Bohlen über Fässer geschichtet,
der gebildeten und ungebildeten Masse
das höchste Vergnügen zu machen."
(J. W. v. Goethe)
* * * * *
"Jeden Morgen, mein Brot zu verdienen,
gehe ich auf den Markt,
wo Lügen gekauft werden.
Hoffnungsvoll
reihe ich mich ein
zwischen die Verkäufer."
Der geübte Leser erkennt sogleich, daß Brecht hier zwei japanische
"Haiku"
abgekupfert hat - freilich ohne das korrekte Versmaß einzuhalten. Aber seine
regelgerechten Haikus sind jämmerlich. Kleine Kostprobe gefällig?
Bitte sehr:
"Mitten im Whisky
Kam Gott nach Mahagonny
Mitten im Whisky"
|
Warum Dikigoros hier eingangs so auf dem Haiku herum reitet - auf die Gefahr hin, daß ihm einige Leser, die das nicht interessiert, gleich wieder abspringen? Was sollen Kurzgedichte mit Theater zu tun haben? - Wart Ihr mal in Japan in einem traditionellen, "altmodischen" Theater? Wahrscheinlich nur, wenn Ihr der japanischen Sprache halbwegs mächtig seid, und welcher Mitteleuropäer ist das schon? Dann wird Euch aufgefallen sein, daß die Sitze nicht mit Zahlen numeriert sind - geschweige denn denen, die Ihr "arabisch" nennt, obwohl sie eigentlich indischen Ursprungs sind -, sondern mit Buchstaben. Nun wäre das ja noch nichts Besonderes, denn so hielten es die alten Griechen, Juden u.a. orientalische Völker ja auch. Aber selbst wenn Ihr ein wenig Japanisch könnt und Euch zumindest die einfachen "Hiragana"-Silbenzeichen eingeprägt habt, um nicht ganz als Analfabeten durchs Land zu reisen, werdet Ihr aus der Anordnung nicht schlau werden, da sie von der gewohnten Reihenfolge abweicht - es sei denn, Ihr kennt das alte "Iroha"-[heute würde man es "Irowa" aussprechen]Gedicht, nach dessen Silbenfolge die Plätze angeordnet sind, und das Dikigoros wie folgt übersetzen würde:
Liebe ist ein Hauch, [Allen, die das anders übersetzen, etwa "Farbe ist ein Hauch...", sei versichert, daß das nicht gemeint ist, sondern vielmehr ganz handfeste, fysische Liebe - auf Neudeutsch "Sex" -, nicht etwa romantische Liebe, die es traditionell in Japan ebenso wenig gibt wie in anderen Ländern Asiens; das Fremdwort "rabu" (Verballhornung des englischen "love", denn die Japaner können, anders als die Chinesen, kein "l" aussprechen, und am Wortende muß immer ein Vokal stehen, notfalls ein stummes "u" :-) ist erst im 20. Jahrhundert als Kuriosität in den japanischen Wortschatz aufgenommen worden.]
Um auf Brecht zurück zu kommen - der sich wie kaum ein anderer Autor des 20. Jahrhunderts angemaßt hat, in seinen Theaterstücken die Welt und die Weltgeschichte zu deuten -, so war der ein ganz frecher Plagiator; selbst sein bekanntestes Zitat hat er geklaut, von dem Deutsch-Amerikaner
Carl Sandburg,
der 1936 schrieb: "Sometimes they'll give a war, and nobody will come. [Irgendwann werden sie einen Krieg geben, und niemand wird kommen.]" Das ist Bühnen-Sprache, denn "to give" bedeutet in diesem Zusammenhang "aufführen" (früher gab es dafür auch im Deutschen die Wendung "ein [Theater-]Stück geben"), und Sandburg wollte damit der Hoffnung Ausdruck verleihen, daß die Amerikaner sich nicht noch einmal mit so schäbigen, theatralisch inszenierten
"Zwischenfällen"
wie denen, die man mit den Schlagworten "Alamo", "Maine" und "Lusitania" verband und verbindet, in einen neuen Krieg würden locken lassen wie seinerzeit in die Kriege gegen Mexiko, Spanien und Deutschland. (Er konnte nicht ahnen, daß diese seine Hoffnung nur fünf Jahre später in Pearl Harbor zunichte wurde - aber das ist
eine andere Geschichte.)
Brecht - der just 1936 nach New York kam, sah und stibitzte - machte daraus: "Stellt Euch vor es ist Krieg, und keiner geht hin"; und da er an diesen Spruch nicht glaubte - vielmehr an das Gegenteil -, fügte er einen Halbsatz hinzu, der seinen Sinn in genau dieses Gegenteil verkehrte: "Dann kommt der Krieg zu Euch." Dann stellte er ihn seiner "Koloman-Wallisch-Kantate" voran (einem ziemlich erbärmlichen Stückchen auf einen ziemlich erbärmlichen Anführer des von den Kommunisten inszenierten [Dikigoros darf doch in der Bühnen-Sprache bleiben?!] Wiener Arbeiteraufstands von 1934 - der ihn tatsächlich nur auf einem Nebenschauplatz, in Bruck an der Muhr, mitgemacht hatte, und sich schnell verpißte, als das Scheitern abzusehen war). Als Brecht diese "Kantate" 1934 erstmals entworfen hatte, fehlte dieser einleitende Spruch jedenfalls noch; als er 1947 aus dem amerikanischen Exil zurück kehrte, war er da, und seitdem glaubt alle Welt, er sei auf seinem Mist gewachsen...
"Ihr interessiert Euch vielleicht nicht für den Krieg.
Das ist übrigens eines der vielen Zitate, die man im Nachhinein versucht hat, zu
"canceln",
weil es gewissen Kreisen nicht in den Kram, genauer gesagt in ihre politische Agenda/Propaganda paßt. (Über weitere berühmt-berüchtigte Fälle schreibt Dikigoros
hier, in Fußnote 8.) In diesem Fall liegt das Motiv auf der Hand: Nicht nur Brecht, sondern auch andere bedienten sich bei Trotski, insbesondere US-amerikanische Kriegstreiber, die den Satz anno 1941 ins Englische übersetzten (Trotski hatte in seiner Muttersprache Deutsch geschrieben) und dabei Doch genug der Vorrede, die nur zeigen soll, wie vorsichtig man in der Theaterwelt, dem "Markt der Lügen", sein muß. Früher sagte man vom Theater, daß seine Bretter "die Welt bedeuten". Das war zu einer Zeit, als Theater noch von fahrenden Schau- oder Puppenspielern auf ein paar schnell zusammen gezimmerten Brettern mitten auf der Straße gespielt wurde - ähnlich wie heute noch in einigen asiatischen Ländern. Früher mußten also die Theater-Ensembles durch die Lande reisen, um ihre Stücke bekannt zu machen; heute reisen statt dessen die Filmrollen (oder die Fernsehbänder) um die Welt, während die Schauspieler und Intendanten der Theater fest besoldet an ihren Planstellen vor Ort kleben - was ihrer Kunst nur abträglich sein kann. Wie schrieb der große britische Cyniker N. C. Parkinson in einem seiner berühmt-berüchtigten Gesetze: Wenn eine Institution sich einmal so weit entwickelt hat, daß sie repräsentative Räumlichkeiten für ihre Dienstleistungen beziehen kann, ist sie über ihren Höhepunkt hinaus und erstarrt in Formalismus. Da mag er Recht haben; zumindest in den westlichen Ländern fristet das Theater in immer prunkvolleren Bauten (die längst für die Sache an sich stehen - oder wer versteht heutzutage unter "Theater" noch das Ensemble aus Fleisch und Blut, und nicht bloß den Bau aus Stahlträgern und Beton?) ein immer erbärmlicheres Dasein; finanziell ist es fast überall ein Zuschuß-Geschäft geworden; lediglich ein paar größenwahnsinnige Kommunal-Politiker halten sich solche überholten und überflüssigen Bühnen noch aus Prestige-Gründen. Das Geschehen, das sich früher auf den Brettern des Theaters abspielte, hat sich in die Kinosäle und/oder ins Fernsehen verlagert, wo der Kontakt zum Publikum nur noch ein indirekter ist. Das ist an und für sich nicht schlimm, wenn die Stoffe, die früher im Theater behandelt wurden, dort fort wirken; und auf die Suche nach solchen Stoffen - und ihren "Machern" - will Dikigoros hier gehen; daß er sich dabei auf historische Dramen beschränkt, liegt in der Natur der Sache. Daraus folgt zugleich, welche Stücke ausscheiden, obwohl sie auf der Theaterbühne einen ungeheuren Erfolg und vielleicht früher auch mal eine ungeheure Wirkung hatten, nämlich diejenigen, die uns heute nichts - oder jedenfalls nichts Neues - mehr sagen: Die Geschichte von Dr. Faustus (und Mefisto) in Europa, das Rāmāyana (die Geschichte von Rām, Sītā und Rāwan - und Hanumān :-) in Asien und die zahlreichen alten chinesischen Geschichten, die das rote Terror-Regime der "Volksrepublik" unterdrückt und ausgerottet hat. (Dikigoros will einräumen, daß ihm der "Faust" nie sonderlich viel gesagt hat, auch und erst recht nicht in der aufgeblähten Fassung des vor allem in seiner hessischen Heimat und seiner thüringischen Wahlheimat weit überschätzten "Hätschelhannes" G.) Auch die antiken Stoffe, die ständig wieder gekäut worden sind von so genannten "Klassikern" wie Corneille, Racine und eben jenem Goethe, gehören hier nicht her, zumal deren Bearbeitungen oft wenig Neues und wenn, dann meist nur Verschlimmbesserungen gebracht haben. (Dikigoros nimmt Jean Giraudoux von diesem Vorwurf ausdrücklich aus; der entzieht sich freilich jeder Klassifizierung und paßt eigentlich auch nicht ganz in diese "Reise durch die Vergangenheit" - daher hat Dikigoros ihm hier nur einen Exkurs gewidmet.) Deshalb schreibt Dikigoros über jene alten Stoffen an anderer Stelle. Geschichte, Politik und Schauspielerei haben vieles gemeinsam - das ist nicht erst im Fernseh-Zeitalter so, da ehemalige Schauspieler es bis in die höchsten Staatsämter gebracht haben (außer in Deutschland - dort regieren nach wie vor politische und schauspielerische Dilettanten, unbeleckt von jeglicher Kenntnis der geschichtlichen Wirklichkeit). Aber es gibt auch Unterschiede. Ein heute vergessener, aber von Dikigoros immer noch sehr geschätzter Historiker schrieb kurz nach dem Zweiten Weltkrieg: "Geschichte ist ja nur das, was man lange nachher ganz genau zu wissen glaubt. Und hier setzt der Aberglauben mancher Historiker ein: der Aberglauben, der annimmt, die Geschichte sei ein Schauspiel, dessen Akteure ihr Rollenbuch bereits vor ihrem ersten Auftreten bis zu Ende kennen, und die ihre Rolle im Dienst eines höheren Autors spielen, sei der ein Gott oder nur ein Prinzip. Ach nein, sie kennen die nächste Szene nicht, sie stottern heute und verhaspeln sich morgen und haben übermorgen den Text vergessen... der Kritiker kann ihnen am nächsten Morgen nachweisen, daß sie ausgesprochenen Renaissancestil gespielt hätten, aber sie haben am Abend den Begriff Renaissance noch gar nicht gekannt." Diese Unterschiede in den Augen des Publikums zu verwischen haben sich einige Bühnen-Autoren mit besonderer Hingabe angenommen. Einige der erfolgreichsten - andere würden "der besten" schreiben; aber eigentlich haben die es nur am besten verstanden, dem Publikum Bretter vor den Kopf zu nageln - möchte Dikigoros hier vorstellen und ihre Machenschaften aufdecken, pardon ihre Arbeitsweise aufzeigen, oder wie formuliert man das höflich? Er hat das an anderer Stelle bereits mit Filmregisseuren getan, und so stellt sich die Frage: Was macht eigentlich den großen Unterschied zwischen Theater, Kino und/oder Fernsehen aus? Bei Licht besehen sind es Unterschiede, die es früher nicht gab und die erst durch die Erstarrung und Degenerierung des Theaters aufgetreten sind - während sich Kino und Fernsehen just die Vorzüge bewahrt haben, die früher das Theater auszeichneten: Um eine Theater-Aufführung zu sehen, muß man heute ins Theater gehen - früher kam es wie gesagt zu den Menschen in die Straßen. Das Fernsehen kommt dagegen wieder direkt in die Wohnzimmer. Früher durfte man im Theater auch essen und trinken (nein, nicht bloß in der Pause mal kurz am ebenso teuren wie schlechten Sekt nippen), ebenso im Kino (wo man heutzutage wenigstens noch Popcorn und andere zweifelhafte "Leckereien" knabbern darf); heute bietet nur noch der Fernseher im Wohnzimmer solche Vorzüge: Da kann man nebenbei zu Abend essen, die Zeitung lesen oder sich mit Freunden unterhalten, Karten spielen oder sonstwas treiben. Dagegen muß man sich als Theater-Besucher mehr auf den Stoff konzentrieren, zumal man die Vorstellung - anders als eine Fernsehsendung - auch nicht aufnehmen und später nochmal zurück spulen kann. Gewiß, man kann sich das Stück am nächsten Abend noch einmal ansehen - aber da mag just an der entscheidenden Stelle die Zensur eingegriffen haben, der Regisseur den Text geändert oder der Schauspieler ihn schlicht vergessen haben. [Das Kino nimmt da - wie beim Popcorn-Essen - eine Zwischenstellung ein, denn da kann man sich hinterher immerhin die VHS-Kassette ausleihen, wenn man nicht alles verstanden hat.] Soweit die Unterschiede aus der Sicht des Zuschauers. Für den Schaupieler sind die Rollen schwieriger, denn anders als bei Film und Fernsehen kann er eine verpatzte Szene nicht einfach heraus schneiden und neu aufnehmen - andererseits kann er nicht so gut kontrolliert werden; was er auf der Bühne sagt ist gesagt, auch wenn man ihm anschließend das Engagement kündigt. (Ahnt Ihr, liebe Leser, warum es im Fernsehen kaum noch echte Life-Auftritte gibt?) Dikigoros will aber nicht nur über Theaterdichter im engeren Sinne berichten, sondern über alle, die ihren Stoff auf die Bühne gebracht haben, also auch über einen Opernschreiber, einen Zirkus-Entertainer und über einen verhinderten Boxer - nur über die Schach-Bretter schreibt er lieber an anderer Stelle. Wenn Dikigoros Richard Wagner eben einen "Opernschreiber" genannt hat, so ist ihm durchaus bewußt, daß er selber sich als mehr verstand - als Schöpfer eines "Gesamtkunstwerks", welches durchaus auf die Theater-Bühne gehörte - halt als Schauspiel mit dauernder Musik-Begleitung, und damit war Wagner dem modernen Film näher als alle Verfasser "reiner" Theaterstücke - bei denen allenfalls mal zwischendurch ein Liedchen geträllert wurde, oder als alle Verfasser "reiner" Opern - bei denen sich allenfalls ein dünner Handlungsfaden von Musikstück zu Musikstück zog. Und es ist ja nicht so, daß sich Film und Fernsehen nun in allen Fällen gegen die alten "Bretter" durchgesetzt hätten: Woran denkt Ihr denn bei "Der Fliegende Holländer", liebe Leser? An Wagners "Oper" (oder wie Ihr es sonst immer nennen wollt), oder an den Film von Albert Lewin (mit James Mason und Ava Gardner in den Hauptrollen) von 1951? Der letztere wurde damals zum "Film des Jahres" hoch gejubelt und ist doch heute völlig vergessen - dabei waren seine Melodien eingängiger, seine Texte verständlicher, seine Handlung flüssiger, und die Schauspieler sahen besser aus als die meisten Bühnen-Darsteller in Bayreuth und anderswo. Warum also haben sich einige alte Bühnenstücke dennoch erfolgreich gegen die moderne Konkurrenz behauptet? Denkt mal darüber nach und schreibt Dikigoros, was Ihr meint! * * * * *Doch wo soll nun der Unterschied zwischen dieser und den anderen gerade erwähnten "Reisen durch die Vergangenheit" liegen? Will Dikigoros noch einmal das gleiche Thema - Fälschung durch falsche Deutung der Geschichte - aufgreifen? Nein, sowohl "Die [un]schöne Welt der Illusionen" als auch die "Reisen, die Geschichte machten" sind enger und weiter zugleich gefaßt, dürfen und müssen es sein, weil die im 20. Jahrhundert produzierten Filme zahlreicher waren als die in jenem und den drei voraus gegangenen Jahrhunderten geschriebenen Theaterstücke zusammen, und weil die Aufführungs- und damit die Einwirkungs-Möglichkeiten auf das (Millionen-)Publikum durch die Massenmedien Kino und Fernsehen ungleich größer waren (und sind) als die einer kleinen - und selbst die einer größeren - Theaterbühne, und weil die alten Rhapsoden völlig frei in ihrer Darstellung waren und es deshalb nicht zwei Überlieferungen einer Sage gibt, die vollständig gleich wären. Ein Film kann in den Köpfen der Zuschauer soviel Geschichtsverzerrung bewirken wie früher das ganze Lebenswerk eines Dichters; und eine einzige "Sage" rief in ihnen - den Köpfen - wohl bisweilen die Vorstellung hervor, den gesamten Lauf der Weltgeschichte seit Adam und Eva abzudecken, schon weil sie sonst vielleicht im Leben nichts anderes vorgeführt bekamen. (So können völlig gegensätzliche Dinge dasselbe Ergebnis bewirken!) Deshalb hat sich Dikigoros bei der "Welt der Illusionen" und den "Reisen, die Geschichte machten" auf einzelne Filme und Sagen beschränkt; hier stellt er jeweils mehrere Werke einzelner Dichter vor. Und er fragt hier - anders als bei den Filmen und Sagen - auch nicht gezielt danach, welche Auswirkungen diese Fälschungen auf die manipulierten Zuschauer gehabt haben könnten; sondern er beschränkt sich auf die Feststellung, daß diese Autoren in ihren Theaterstücken die Geschichte massiv verfälscht haben. Ist das eigentlich schlimm? Nein, nicht unbedingt; um ein kleines Kontrast-Programm zu bieten und den Unterschied aufzuzeigen, hat Dikigoros mit Jean Giraudoux jemanden in diese Übersicht aufgenommen, dem gar kein Vorwurf des Fälschen-Wollens gemacht werden kann; er unternahm vielmehr den eben geschilderten Versuch der vielen Filmemacher, auf die Zuschauer einzuwirken, freilich anders als jene im positiven Sinne - vielleicht mußte er deshalb scheitern. Und die übrigen? Im Zeitalter der politischen Korrektheit und Ausgewogenheit muß man ja immer fragen, ob die Auswahl auch angemessen und repräsentativ ist. Also erstmal zeitlich: je einmal 17. und 18., je zweimal 19. und 20. Jahrhundert (wobei das letztere noch drei "Exkurse" als Draufgabe bekommt gegenüber nur jeweils einem für das 19. und für das junge 21. Jahrhundert) - das müßte o.k. sein. Und örtlich? Ein Brite, zwei Schwaben, ein Preuße, zwei Sachsen, drei Amerikaner, ein Franzose, ein Spanier, ein Schweizer und ein Bayer. Kein Osteuropäer? Nein, die Tradition der politischen Zensur hat es nie zugelassen, daß sich dort ein echtes historisches Drama entwickelt hat. Kein Asiate, obwohl die doch so theaterbegeistert sind (auch heute noch - was man von den meisten Europäern nicht gerade behaupten kann)? Nein, und den Grund hat Dikigoros schon einleitend genannt; aber wer sich etwa für das "Ramayana" interessiert (das als Sage, Theaterstück - freilich ohne daß ein bestimmter Autor bekannt wäre -, Film und neuerdings auch Fernsehserie diesen Rahmen ohnehin sprengen würde), kann ja mal an anderer Stelle weiter lesen. Vermißt Ihr etwa den einen oder anderen Autoren, liebe Leser? Vielleicht Voltaire? Dessen Tancrède hätte Dikigoros durchaus einen Exkurs widmen können, denn das ist ein Meisterwerk der Fälschung, pardon Umschmiedung eines historischen Stoffes zur gegenwartsbezogenen Parallele, das seines gleichen sucht. Aber es sprachen einfach zu viele gute Gründe dagegen: Erstens war es nie ein richtiger Erfolg (in manchen Literatur-Geschichten wird es nicht einmal erwähnt); Voltaire galt und gilt halt nicht als Verfasser historischer Dramen, sondern als Satiriker, und deshalb hat ihm Dikigoros auch - zweitens - ein Kapitel an anderer Stelle gewidmet. Oder Victor Hugo? Nun, der hat zwar einige historische Dramen geschrieben, und man kann sicher einiges gegen sie sagen; aber Dikigoros sieht nicht, wo Hugo bewußt versucht hätte, die Geschichte zu [ver]fälschen - ganz im Gegenteil: Während die deutschen Dramatiker erklärtermaßen auf dem [Jahr]Markt der Lügen hausieren gingen, wollte der Franzose die Massen mit der Wahrheit begeistern, wie er im Vorwort zu "Marie Tudor" schrieb, aus dem Euch Dikigoros oben zitiert hat. Hugos politische Wirkung ging auch nicht unbedingt von seinen Theaterstücken aus (die Vorrede zum Cromwell ist bis heute bekannter als der Inhalt) und war im übrigen folgenlos: Napoléon III stürzte nicht über Hugo oder andere innenpolitische Gegner, sondern über seine außenpolitischen Fehler - und einen Bismarck, der sie gnadenlos ausnutzte. Oder Bernhard Shaw? Aber "Caesar & Cleopatra" war doch wohl nur eine nicht ganz ernst gemeinte Parodie auf das gleichnamige Stück von Shakespeare (dto "The Six of Calais"); und "Saint Joan" - für das er den Literatur-Nobelpreis bekam - ist keine Geschichts-Fälschung, sondern besser recherchiert (anhand der Prozeßakten der Jeanne d'Arc) als so manches Werk professioneller "Historiker" - von Geschichts-Professoren wie Schiller ganz zu schweigen. Auch Goethes "Götz von Berlichingen" und Grillparzers "König Ottokars Glück und Ende" halten sich, soweit sich das beurteilen läßt, einigermaßen genau an die historischen Tatsachen. Und Ihr, liebe Fach-Germanisten, vermißt vielleicht die "Staufer-Dramen" - Bodmers "Barabarossa", Klingers "Konradin", Grabbes "Friedrich" und "Heinrich" - aber das sind doch olle Kamellen, die kaum noch jemand kennt, geschweige denn aufführt; das gleiche gilt für Johann Georg Fischers "Friedrich II von Hohenstaufen", "Florian Geyer" und "Kaiser Maximilian von Mexiko". Paul Heyse und Gerhart Hauptmann? Ja, die beiden ersten deutschen Nobelpreisträger für Literatur sind zwei Kapitel für sich - ihre historischen Dramen rechtfertigen allerdings keine eigenen Exkurse. Dikigoros sieht gar nicht ein, weshalb er hier wie so viele Kritikaster Colberg, das erfolgreichste Bühnenstück des jüdischen Wahl-Bayern aus Preußen, als "Geschichtsfälschung" verunglimpfen sollte, bloß weil Veit Harlan daraus im Zweiten Weltkrieg Kolberg, den letzten großen "Durchhaltefilm" des Dritten Reichs machte, und dessen Inhalt einigen politisch-korrekten Gutmenschen nicht in den Kram paßt; und von Heyses anderen historischen Dramen - "Die Sabinerinnen", "Ludwig der Bayer", "Hadrian", "Alkibiades" und "Graf Königsmarck" - kam ja kaum eines über die Uraufführung hinaus (was auch für das Maria-Stuart-Drama seiner Zeitgenossin Marie Dubsky alias Ebner-Eschenbach gilt). Hauptmann wiederum hat zwar viele interessante historische Stoffe zu bearbeiten begonnen - "Athalarich", "Germanen und Römer", "Das Erbe des Tiberius", "Karl der Große", "Konradin" -, aber am Ende sind sie doch alle Fragment geblieben. Fertig bekommen hat er gerade mal eines: "Florian Geyer", einen müden Wiederaufguß von Goethes "Götz", der die "deutsche Zwietracht" doch nicht beseitigt hat. Auch T. S. Eliot und Jean Anouilh haben jeweils nur ein historisches Drama geschrieben, dazu noch über den selben Stoff, nämlich die Ermordung des Thomas Becket - und das allein ist schwerlich eine Besprechung wert, zumal wir schon genug Ein-Stück-Exkurse haben. [Die Fakten dieses Stoffes sind ja unstreitig, da läßt sich also historisch gesehen nicht viel verfälschen oder korrigieren; und die Motive sowohl des Thomas als auch seines Königs Henry sind Dikigoros selber rätselhaft - warum soll er also tun, als wisse er es besser als die Dichter?] Aus dem gleichen Grunde fehlen hier auch Georg Kaiser und seine "Bürger von Calais" sowie Henry de Montherland und "La reine morte" - die Geschichte von Dom Pedro und Inez de Castro ist heute ohnehin so gut wie vergessen, sogar von den Historikern, und erst recht von den Theater-Intendanten. (Wer indes meint, daß Dikigoros hier etwas übersehen hat, darf ihm gerne mailen; er ist auch nicht allwissend, aber lernfähig und geht jedem ernst zu nehmenden Hinweis nach. Nur verschont ihn bitte mit Leuten wie Rolf Hochhuth - "Der Stellvertreter", diese Urmutter aller politisch-korrekten Bühnenstücke ist ihm einfach zu dumm, und über Hochhuth schreibt er an anderer Stelle - oder Jim Allen, dessen "Perdition" auf Druck einflußreicher Lobbyisten verboten wurde, noch bevor es irgendeine nennenswerte Wirkung erzielen konnte.) Uns heutigen mögen einige der älteren Stoffe auf den ersten Blick nicht mehr gar so wichtig erscheinen - einige werden manchen Lesern nicht einmal mehr (oder, so sie jüngeren Baujahrs sind, noch gar nicht) bekannt sein. Aber den Engländern der Shakespeare-Zeit war Richard III so aktuell wie Hitler den Deutschen heute, und den Deutschen der Weimarer Klassik waren Wallenstein und der Dreißigjährige Krieg zeitlich näher als den Franzosen heute die Napoleonischen Kriege. Und früher hatten die Menschen noch ein besseres Langzeit-Gedächtnis für historische Ereignisse, die über die Generationen hinweg auch mündlich weiter erzählt wurden, als in unserer heutigen, schnell-lebigen Zeit, die allzu vieles allzu schnell in den Zeitungs-Archiven ablegt und dort in Vergessenheit geraten läßt. Zeitliche Entfernung ist ohnehin keine Entschuldigung, geschweige denn eine Rechtfertigung für Geschichts-Verfälschungen, dafür sind die Parallelen, die man heute noch allemal ziehen kann, zu aktuell - aber das gehört nicht mehr in die Einleitung, sondern in die Kapitel über die einzelnen Autoren.
Nachtrag im Jahre 2 n.C.:
[Ihr könnt Euch aussuchen, ob damit "nach Corona" oder "nach Covid" gemeint ist - aber wie Ihr auch entscheidet, werdet Ihr Dikigoros sicher zustimmen, daß eine neue Ära begonnen hat, die einen Neuanfang der Jahreszählung erfordert, nämlich das Zeitalter der
Panhysterie,
die als
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